Jack Russell Terrier: Der Hund, der eigentlich fünf Hunde sein möchte

Es gibt Hunde, die morgens aufstehen und erst einmal überlegen, ob sie heute überhaupt etwas unternehmen möchten.
Nicht so der Jack Russell Terrier.
Der steht auf.
Fertig.
Der Tag kann beginnen.
Was jetzt genau passiert, ist zunächst zweitrangig. Hauptsache, es passiert etwas.
Ein Jack Russell Terrier, der gelangweilt auf seinem Platz liegt, ist ungefähr so, als würde man einen Ferrari in die Garage stellen und sich anschließend darüber wundern, dass er nicht besonders viel Freude macht.
Nur dass der Ferrari nicht bellt.
Und keine Schuhe klaut.
Klein ist er. Nur was?
25 bis 30 Zentimeter Widerristhöhe. Das ist beim Hund nun wirklich keine beeindruckende Größe. Ein Jack Russell kann sich problemlos unter einem Tisch verstecken.
Sein Selbstbewusstsein passt allerdings nicht unter denselben Tisch.
Der Jack Russell wurde nicht dafür gezüchtet, dekorativ neben dem Sofa zu sitzen. Seine Geschichte liegt in der Jagd. Reverend John Russell wollte im 19. Jahrhundert einen Terrier, der bei der Fuchsjagd mithalten und notfalls auch in einen Bau hineingehen konnte. Aus seinen Hunden gingen zwei Rassen hervor: der größere, quadratischere Parson Russell Terrier und der kleinere, etwas längere Jack Russell, dessen Standard in Australien entwickelt wurde.
Das ist wichtig zu wissen.
Denn wer einen Jack Russell sieht und denkt: „Ach, so ein kleiner Hund, der braucht ja nicht viel“, hat möglicherweise gerade den ersten Fehler gemacht.
Der Hund selbst würde diese Einschätzung vermutlich ebenfalls als Beleidigung auffassen.

Der Jack Russell steht immer unter Strom
Man kann mit einem Jack Russell einen Spaziergang machen.
Man kann aber auch mit einem Jack Russell auf Expedition gehen.
Der Unterschied liegt nur in der Betrachtungsweise.
Der Mensch sieht einen Weg.
Der Jack Russell sieht:
einen Busch,
eine Spur,
ein Loch,
einen Vogel,
eine Katze,
ein Geräusch,
noch ein Loch
und wahrscheinlich irgendwo in der Ferne eine weitere Angelegenheit, um die er sich dringend kümmern muss.
Stillstehen ist schwierig.
Nicht weil er es nicht könnte.
Er sieht nur keinen Sinn darin.
Wenn irgendwo etwas raschelt, muss nachgesehen werden. Wenn der Nachbarshund bellt, muss die Sache bewertet werden. Wenn im Garten ein Blatt herunterfällt, kann man nicht einfach so tun, als sei nichts passiert.
Es könnte wichtig sein.
Der Ball ist nicht das Problem
Viele Menschen versuchen, einen temperamentvollen Hund mit Ballspielen auszulasten.
Beim Jack Russell kann das funktionieren.
Es kann aber auch dazu führen, dass man am Ende einen noch fitteren Jack Russell hat.
Der Hund bringt den Ball zurück.
Man wirft ihn wieder.
Der Hund rennt.
Man wirft noch einmal.
Der Hund rennt wieder.
Irgendwann sitzt der Mensch erschöpft auf der Bank und der Jack Russell schaut ihn an, als wolle er sagen:
„War das jetzt schon alles?“
Genau hier wird es interessant.
Ein Jack Russell braucht nicht nur Bewegung. Er braucht auch Beschäftigung für den Kopf.
Nasenarbeit, Suchspiele, kleine Aufgaben, Tricks, Training – das kann wesentlich sinnvoller sein, als einfach nur möglichst viele Kilometer zu sammeln.
Denn dieser Hund kann denken.
Und er tut es auch.
Manchmal leider schneller als sein Mensch.
Erziehung? Ja. Unbedingt.
Der Jack Russell ist intelligent.
Das ist eine gute Nachricht.
Die weniger gute Nachricht: Er weiß das.
Ein Hund, der schnell versteht, was man von ihm möchte, ist wunderbar.
Ein Hund, der gleichzeitig herausfindet, wann sich eine Regel vielleicht doch umgehen lässt, ist eine interessante Erfahrung.
Beim Jack Russell empfiehlt sich deshalb eine gewisse Konsequenz.
Nicht laut.
Nicht hektisch.
Und schon gar nicht jeden Tag anders.
Wenn heute etwas verboten ist und morgen plötzlich lustig gefunden wird, hat der Jack Russell das Problem ziemlich schnell gelöst.
Er wird sich für morgen entscheiden.
Und morgen ist dann natürlich das, was gestern verboten war, plötzlich wieder interessant.
Das hat nichts mit Bosheit zu tun.
Es ist eher die natürliche Folge eines Hundes, der gern ausprobiert, was möglich ist.
Dieser kleine Hund und die großen Artgenossen
Eine weitere Besonderheit des Jack Russell ist sein Verhältnis zu seiner eigenen Körpergröße.
Es ist, sagen wir, entspannt.
Ein großer Hund kommt entgegen.
Der Jack Russell sieht ihn.
Der große Hund sieht den Jack Russell.
Beide haben die Möglichkeit, einfach weiterzugehen.
Der Jack Russell findet diese Möglichkeit nicht besonders überzeugend.
Er kann schließlich nicht wissen, ob der andere Hund vielleicht ein Problem hat.
Und falls er ein Problem hat, sollte man das besser sofort klären.
Hier zeigt sich wieder seine Herkunft als Terrier. Mut, Selbstbewusstsein und eine gewisse Unerschrockenheit gehören zu diesem Hund.
Das kann ausgesprochen charmant sein.
Es kann aber auch dazu führen, dass der Mensch am anderen Ende der Leine plötzlich sehr viel Verantwortung übernimmt.
Denn 6 Kilogramm Hund sind nicht automatisch 6 Kilogramm Vernunft.
Der Jack Russell ist kein kleiner Golden Retriever
Das musste irgendwann einmal gesagt werden.
Der Jack Russell kann ein wunderbarer Familienhund sein. Er ist freundlich, lernfreudig und seinem Menschen häufig eng verbunden.
Aber er ist kein kleiner Golden Retriever.
Man kann ihn nicht einfach kleiner denken.
Auch die Vorstellung, ein kleiner Hund brauche automatisch weniger Beschäftigung als ein großer, hält sich erstaunlich hartnäckig.
Beim Jack Russell funktioniert sie jedenfalls nicht besonders gut.
Ein unterforderter Jack Russell kann durchaus selbst entscheiden, wie er sich beschäftigt.
Dann wird aus dem Schuh ein Spielzeug.
Aus dem Sofakissen ein Forschungsprojekt.
Und aus dem Garten eine Baustelle.
Warum auch nicht?
Es war schließlich niemand da, der eine bessere Idee hatte.
Der Hund für aktive Menschen
Wer gern draußen ist, wandert, joggt, mit dem Pferd unterwegs ist oder einfach Freude daran hat, sich mit seinem Hund zu beschäftigen, kann im Jack Russell einen großartigen Begleiter finden.
Der VDH beschreibt ihn als unternehmungslustig, wachsam, klug und lebhaft. Genau das ist er auch.
Er will dabei sein.
Das ist überhaupt ein wichtiger Punkt.
Der Jack Russell möchte nicht unbedingt acht Stunden irgendwo liegen und warten, bis der Mensch wieder nach Hause kommt.
Er möchte wissen, was los ist.
Und wenn nichts los ist, könnte man ja etwas unternehmen.
Drei Jack Russells sind keine drei Hunde
Das ist möglicherweise falsch formuliert.
Drei Jack Russells sind natürlich drei Hunde.
Aber manchmal hat man den Eindruck, sie seien gemeinsam für eine deutlich größere Mannschaft zuständig.
Jeder hat seine Aufgabe.
Einer entdeckt etwas.
Der zweite reagiert darauf.
Der dritte weiß zwar nicht, worum es geht, macht aber vorsichtshalber mit.
Innerhalb weniger Sekunden ist Bewegung im Haus.
Und wenn anschließend wieder Ruhe einkehrt, sitzt der Jack Russell da, schaut unschuldig und tut so, als wäre überhaupt nichts gewesen.
Man darf ihm das sogar glauben.
Für ungefähr drei Minuten.
Und dann ist er plötzlich ganz anders
Das ist vielleicht das Schönste am Jack Russell.
Bei aller Energie, bei allem Temperament und diesem manchmal etwas überbordenden Selbstbewusstsein kann er plötzlich ganz ruhig werden.
Dann liegt er neben seinem Menschen.
Kuschelt sich an.
Schläft.
Und sieht aus wie der friedlichste kleine Hund der Welt.
Man schaut ihn an und denkt:
Eigentlich ist er doch ganz unkompliziert.
Dann öffnet er ein Auge.
Irgendwo draußen hat etwas geraschelt.
Der Jack Russell ist sofort wieder wach.
Natürlich.
Man kann ja nicht erwarten, dass ein Terrier eine solche Information ignoriert.
Was man über diesen Hund wissen sollte
Der Jack Russell ist kein Hund für Menschen, die vor allem einen kleinen Hund suchen.
Er ist ein Hund für Menschen, die einen aktiven Hund in kleiner Verpackung suchen.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Wer sich darauf einlässt, bekommt einen wachen, intelligenten, lustigen und erstaunlich ausdauernden Begleiter. Wer dagegen glaubt, mit der geringen Körpergröße sinke automatisch der Aufwand, könnte irgendwann feststellen, dass er sich einen Hund angeschafft hat, der zwar kaum Platz auf dem Sofa benötigt, dafür aber erstaunlich viel Platz im Tagesablauf. Und wer einen Welpen sucht, sollte sich die Augenbefunde der Elterntiere zeigen lassen: Im Klub für Terrier ist eine Augenuntersuchung, unter anderem auf die erbliche Linsenluxation, vor der Zuchtzulassung Pflicht.
Und vielleicht ist genau das der Jack Russell.
Ein bisschen Hund.
Ein bisschen Jagdinstinkt.
Ein bisschen Wahnsinn.
Und ziemlich viel Persönlichkeit.
Oder, um es einfacher zu sagen:
Der Jack Russell ist der Hund, der morgens aufsteht und sich fragt, warum eigentlich noch niemand etwas unternommen hat.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Bei gesundheitlichen oder verhaltensbezogenen Fragen zu Ihrem Hund wenden Sie sich bitte an Ihre Tierarztpraxis oder eine qualifizierte Verhaltensberatung.

