Feuerwerksangst beim Hund

Feuerwerksangst beim Hund: Warum Vorbereitung schon im September beginnt

Ein junge Frau sitzt mit einem HUnd auf dem Sofa. Draußen ist ein Feierwerk zu sehen.

Der erste Knall kommt meistens dann, wenn man nicht damit rechnet.

Ein einzelner Böller irgendwo in der Nachbarschaft. Der Hund hebt den Kopf. Vielleicht steht er auf, schaut zur Tür und legt sich wieder hin.

Beim nächsten Knall bleibt er stehen.

Und irgendwann ist klar: Dieser Hund findet Silvester überhaupt nicht lustig.

Unser erster Hund vor rund 35 Jahren hat an Silvester aus Angst ins Treppenhaus gekotet. Ich erinnere mich noch heute daran. Damals wusste ich als junger Hundehalter wenig darüber, was man gegen solche Ängste überhaupt tun kann.

Heute würde ich nicht bis zum 30. Dezember warten.

Wenn ein Hund Angst vor Feuerwerk hat, beginnt die Vorbereitung idealerweise Monate vorher. Nicht weil sich ein Hund in vier Monaten garantiert „feuerwerksfest“ trainieren lässt. Das wäre ein ziemlich großes Versprechen. Sondern weil Angsttraining Zeit braucht und weil man irgendwann feststellen können muss, ob man allein weiterkommt oder Unterstützung braucht.

Feuerwerksangst lässt sich nicht an einem Wochenende wegtrainieren

Ein Hund, der beim Knall eines Feuerwerks panisch wird, hört nicht einfach nur ein lautes Geräusch.

Er erlebt etwas, das für ihn bedrohlich ist.

Der Knall kommt plötzlich. Die Richtung ist nicht eindeutig. Dazu kommen Lichtblitze, Vibrationen und Gerüche. Anders als bei einem Staubsauger kann der Hund auch nicht erkennen, wann der nächste Knall kommt.

Genau deshalb funktioniert Training nur, wenn der Reiz so schwach beginnt, dass der Hund noch entspannt bleiben kann.

Das nennt man Desensibilisierung. Gleichzeitig wird das Geräusch mit etwas Angenehmem verbunden – etwa Futter, einem Kauartikel oder einer anderen positiven Erfahrung. Fachleute sprechen dabei von Gegenkonditionierung.

Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer:

Der Hund darf während des Trainings nicht in Angst geraten.

Wer die Aufnahme so laut stellt, dass der Hund schon beim ersten Versuch erschrickt, trainiert nicht gegen die Angst. Er kann sie im ungünstigen Fall sogar verstärken.

September: Erst einmal einen Ort finden, an dem der Hund Ruhe hat

Bevor überhaupt Feuerwerksgeräusche aus einem Lautsprecher kommen, würde ich mir den Hund zu Hause anschauen.

Wo legt er sich hin, wenn er seine Ruhe haben möchte?

Vielleicht unter dem Schreibtisch. Vielleicht neben dem Sofa. Vielleicht in seiner offenen Box. Manche Hunde verschwinden bei ungewohnten Geräuschen auch in eine Ecke, auf die der Mensch vorher nie gekommen wäre.

Genau dort kann später der Rückzugsort für Silvester entstehen.

Er muss nicht spektakulär aussehen. Eine Decke, etwas gedämpftes Licht und ein Platz, an dem der Hund möglichst wenig vom Geschehen mitbekommt, können reichen.

Wichtig ist, dass dieser Ort freiwillig aufgesucht wird.

Den Hund dort hineinzuschicken, wenn es draußen knallt, wäre keine gute Idee. Der Rückzugsort sollte nicht zum Gefängnis werden.

Wenn der Hund dort gerne liegt, kann man diesen Platz im Alltag positiv besetzen. Ein Kauartikel, ein Leckerli oder einfach Ruhe helfen dabei.

Und dann beginnt das eigentliche Training.

Die ersten Geräusche müssen fast lächerlich leise sein

Feuerwerksaufnahmen gibt es inzwischen überall. Entscheidend ist nicht, welche Aufnahme man verwendet, sondern wie man sie einsetzt.

Die Lautstärke sollte zunächst so niedrig sein, dass der Hund das Geräusch kaum wahrnimmt oder zumindest völlig entspannt bleibt.

Dann läuft die Aufnahme kurz.

Nicht zehn Minuten Feuerwerk im Wohnzimmer.

Ein paar Geräusche reichen.

Der Hund liegt auf seiner Decke. Vielleicht bekommt er etwas zu kauen. Die Aufnahme läuft so leise, dass sein Alltag davon praktisch nicht verändert wird.

Genau das ist der gewünschte Zustand.

Wenn der Hund plötzlich aufhorcht, den Raum verlässt, hechelt oder angespannt wirkt, war der Reiz zu stark.

Dann muss man wieder leiser werden.

Beim Geräuschtraining ist langsamer fast immer besser als schneller.

Oktober: Jetzt wird vorsichtig lauter

Wenn die leise Aufnahme über längere Zeit problemlos funktioniert, kann die Lautstärke allmählich erhöht werden.

Aber nicht nach einem Kalender.

Der September sagt nicht automatisch: Im Oktober muss es lauter werden.

Der Hund bestimmt das Tempo.

Das ist einer der Punkte, die bei solchen Trainingsplänen gerne untergehen. Zwei Hunde können auf dasselbe Geräusch völlig unterschiedlich reagieren. Der eine ignoriert es nach wenigen Tagen. Der andere braucht deutlich länger.

Während der Aufnahme kann etwas Positives passieren: Futter kommt, der Hund bekommt seinen Kauartikel oder es wird gemeinsam ruhig auf dem Sofa gesessen.

Damit verändert sich die Bedeutung des Geräusches langsam.

Nicht:

Knall = Gefahr.

Sondern möglichst:

Knall = Es passiert nichts Schlimmes.

Vielleicht gibt es sogar etwas Gutes.

Der Hund muss nicht bis zur Wohnzimmerlautstärke „durchtrainiert“ werden

Hier würde ich eine häufige Fehlvorstellung vermeiden.

Das Ziel ist nicht unbedingt, die Lautsprecheraufnahme irgendwann so laut aufzudrehen, dass sie einem echten Feuerwerk entspricht.

Das wäre schon deshalb unrealistisch, weil ein Lautsprecher die Situation an Silvester nicht vollständig nachbildet.

Draußen kommen Schall aus verschiedenen Richtungen, Lichtblitze, Gerüche, Vibrationen und unvorhersehbare Abstände zwischen den Explosionen hinzu.

Das Training soll deshalb vor allem helfen, die emotionale Reaktion des Hundes auf Geräusche zu verändern.

Wenn das gelingt, ist schon viel gewonnen.

November: Die Sache darf etwas weniger vorhersehbar werden

Im November kann das Training abwechslungsreicher werden.

Die Geräuschquelle kann einmal aus einer anderen Ecke des Raumes kommen. Man kann die Aufnahme in einem anderen Raum abspielen. Vielleicht läuft sie während eines ganz normalen Alltagsmoments.

Aber auch hier gilt:

Nicht alles gleichzeitig.

Ein Hund, der die Aufnahme im Wohnzimmer entspannt findet, muss nicht automatisch dieselbe Situation aus dem Flur genauso gut bewältigen.

Und auch mit Lichtreizen sollte man vorsichtig sein.

Feuerwerk besteht schließlich nicht nur aus Knall.

Wer seinen Hund mit Lichtblitzen trainieren möchte, sollte deshalb sehr mild beginnen. Es geht nicht darum, im November bereits Silvester im Wohnzimmer nachzustellen.

Eine Simulation, die den Hund stresst, ist keine gute Vorbereitung.

Wenn der Hund plötzlich wieder Angst zeigt

Das kann passieren.

Und es bedeutet nicht, dass das bisherige Training gescheitert ist.

Vielleicht war die Steigerung zu groß. Vielleicht war der Hund an diesem Tag müde, krank oder ohnehin angespannt. Vielleicht war ein Geräusch dabei, das ihn besonders stark getroffen hat.

Dann geht man wieder einen Schritt zurück.

Das ist beim Angsttraining kein Rückschritt, sondern vernünftiges Training.

Schwieriger wird es, wenn der Hund trotz vorsichtiger Steigerung immer wieder deutlich Angst zeigt.

Dann würde ich nicht einfach weiterprobieren.

Spätestens jetzt ist ein Gespräch mit einer qualifizierten Verhaltensberatung oder der Tierarztpraxis sinnvoll.

Kalenderplanung Silvester-Training über vier Monate von September bis Dezember
Vier Monate klingen nach viel – in der Praxis ist das Minimum.

Dezember: Jetzt wird nicht mehr experimentiert

Im Dezember würde ich keine großen Trainingssprünge mehr machen.

Wenn der Hund bisher gut mit den Geräuschen zurechtkommt, reichen kurze Wiederholungen, damit das Gelernte erhalten bleibt.

Gleichzeitig beginnt die praktische Vorbereitung auf Silvester.

Denn selbst ein Hund, der eine Feuerwerksaufnahme inzwischen entspannt hört, kann auf einen echten Böller anders reagieren.

Das liegt nicht daran, dass das Training „nichts gebracht“ hat.

Ein echtes Feuerwerk ist schlicht eine andere Situation.

Ab den letzten Dezembertagen wird der Spaziergang zur Sicherheitsfrage

Je näher Silvester kommt, desto wichtiger wird das Management.

Denn der gefährlichste Moment ist nicht unbedingt der große Countdown um Mitternacht.

Ein einzelner Böller am Nachmittag kann reichen, um einen Hund in Panik zu versetzen.

Deshalb sollten Spaziergänge in diesen Tagen möglichst zu Zeiten stattfinden, in denen wenig Feuerwerk zu erwarten ist. Der Hund sollte draußen sicher geführt werden.

Bei einem Hund mit ausgeprägter Angst würde ich nicht darauf vertrauen, dass er „normalerweise nie wegläuft“.

Panik ist keine normale Situation.

Eine gut sitzende Sicherung ist deshalb wichtiger als sonst. Bei besonders schreckhaften Hunden kann eine zusätzliche Sicherung sinnvoll sein.

Und natürlich sollte der Hund auch nicht allein im Garten herumlaufen.

Silvester selbst wird möglichst langweilig

Das klingt vielleicht etwas unromantisch.

Ist aber genau der Sinn.

Fenster und Türen bleiben geschlossen. Rollläden oder Vorhänge können die Lichtblitze abschirmen. Ein Radio, Fernseher oder andere gleichmäßige Hintergrundgeräusche können helfen, einzelne Knalle etwas weniger hervorstechen zu lassen.

Der Rückzugsort steht bereit.

Der Hund entscheidet selbst, ob er dort liegen oder lieber in der Nähe seines Menschen bleiben möchte.

Man muss ihn nicht herauslocken.

Man muss ihn aber auch nicht ignorieren.

Wenn er Nähe sucht, darf er sie bekommen.

Der alte Ratschlag, man dürfe einen ängstlichen Hund nicht trösten, weil man seine Angst sonst „belohne“, ist zu pauschal. Angst ist kein Verhalten, das man durch ein Leckerli einfach antrainiert.

Wichtig ist vielmehr, dass der Mensch selbst ruhig bleibt und die Situation nicht zusätzlich hektisch macht.

Und wenn der Hund sich versteckt?

Dann darf er sich verstecken.

Wenn der Hund hinter dem Sofa liegt und dort offensichtlich Sicherheit empfindet, würde ich ihn nicht für ein vermeintlich pädagogisches Training hervorholen.

Sein Rückzugsort ist in diesem Moment genau das, was er braucht.

Manche Hunde möchten dagegen ganz dicht beim Menschen sein. Auch das ist völlig in Ordnung.

Der eine Hund liegt unter dem Tisch.

Der andere klebt am Bein seines Menschen.

Der dritte läuft zehn Minuten durch die Wohnung und findet erst danach einen Platz, an dem er bleiben kann.

Es gibt nicht die eine richtige Reaktion.

Wann Training nicht mehr reicht

Bei leichter Unsicherheit kann ein langfristiges Training viel bewirken.

Bei ausgeprägter Feuerwerksangst reicht es manchmal nicht.

Wenn ein Hund zittert, stark hechelt, panisch fliehen möchte, sich verletzt, nicht mehr ansprechbar ist oder sich über längere Zeit überhaupt nicht beruhigen kann, sollte man das ernst nehmen.

Das ist dann nicht mehr einfach ein Hund, der „Silvester nicht mag“.

Hier sollte die Tierarztpraxis einbezogen werden.

Und zwar nicht erst am 30. Dezember.

Wenn Medikamente notwendig sind, müssen sie zum Hund passen und richtig eingesetzt werden. Manche Medikamente können die Bewegungsfähigkeit beeinflussen, ohne die Angst ausreichend zu nehmen. Deshalb gehört eine solche Entscheidung in tierärztliche Hände.

Medikamente sind dabei kein Versagen des Halters.

Wenn ein Hund tatsächlich unter starker Angst leidet, kann medizinische Unterstützung genau das sein, was ihm die Situation erträglicher macht.

Vier Monate sind kein Versprechen

September, Oktober, November, Dezember – das ist ein sinnvoller Rahmen, wenn man rechtzeitig anfangen möchte.

Aber es ist kein Stundenplan für den Hund.

Vielleicht ist ein Hund im Oktober schon erstaunlich gelassen. Vielleicht braucht ein anderer bis weit in den November hinein sehr kleine Schritte.

Und vielleicht zeigt sich trotz aller Mühe, dass die Angst stärker ist als das, was man zu Hause trainieren kann.

Auch das ist eine wichtige Erkenntnis.

Denn dann hat man noch Zeit, professionelle Hilfe zu organisieren.

Das ist vielleicht überhaupt der größte Vorteil eines frühen Starts:

Man muss nicht am Silvestertag feststellen, dass der eigene Hund mit der Situation nicht klarkommt.

Klaus Neumann
Ein Artikel von

Klaus Neumann

Gründer von welpen.de (1997) und Hauptautor der Plattform seit 1997. Seine Hunde-Artikel verbinden fast 35 Jahre persönliche Erfahrung in der Hundehaltung mit sorgfältiger Quellenrecherche und journalistischer Redaktion.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Bei gesundheitlichen oder verhaltensbezogenen Fragen zu Ihrem Hund wenden Sie sich bitte an Ihre Tierarztpraxis oder eine qualifizierte Verhaltensberatung.