
Ich bin gerade im Urlaub an der Nordsee. Viel Wind, viel Wasser – und natürlich ziemlich viele Hunde, die hier offenbar genau ihren Urlaubsort gefunden haben.
Dabei habe ich mich gefragt, welche Hunderassen eigentlich früher einmal an den Küsten zu Hause waren und heute nicht mehr existieren. Eine davon führt allerdings noch ein gutes Stück weiter nach Norden: nach Neufundland.
Dort lebte einst ein Hund, der mit Fischern auf ihren Booten unterwegs war, ins kalte Meer sprang und Netze oder Leinen zurückholte. Heute kennt ihn kaum noch jemand. Dabei steckt ein Teil seiner Geschichte in Hunden, die wir täglich sehen.
Sein Name: St. John’s Water Dog.
Ein Fischerhund, keine klassische Rasse
Der St. John’s Water Dog war keine Rasse im heutigen Sinn. Er war eine Landrasse, die sich über lange Zeit auf Neufundland entwickelte. Welche Hunde genau an ihrer Entstehung beteiligt waren, lässt sich nicht mehr sicher rekonstruieren. Vermutlich kamen verschiedene europäische Arbeits- und Fischerhunde zusammen – darunter Hunde britischer, irischer und portugiesischer Herkunft.
Entscheidend war weniger das Aussehen als die Arbeit.
Die Fischer brauchten keinen Ausstellungshund. Sie brauchten einen Hund, der bei Kälte funktionierte, gerne ins Wasser ging und zuverlässig wiederkam.
Genau das konnte der St. John’s Water Dog.
Historische Beschreibungen aus dem 17. Jahrhundert berichten von mittelgroßen schwarzen Hunden, die Fischer auf ihren Booten begleiteten. Sie konnten weit entfernte Leinen oder Netze erreichen und zurück zum Boot bringen. Spätere Berichte beschreiben sie als ausdauernd, schwimmfreudig und mit einem kurzen, dichten Fell ausgestattet.
Auch die weißen Abzeichen gehörten zum typischen Erscheinungsbild. Weiß an Brust, Pfoten, Kinn oder Schnauze kam häufig vor. Die auffällige Kombination aus Schwarz und Weiß wird heute manchmal als „Tuxedo-Zeichnung“ bezeichnet.
Im Wasser waren sie in ihrem Element
Der Hund musste dabei nicht nur schwimmen können. Er musste im kalten Wasser arbeiten.
Sein Körper war kräftig, aber nicht schwerfällig. Die Pfoten waren gut zum Schwimmen geeignet, der Schwanz diente als eine Art Ruder. Dazu kam ein ausgeprägter Apportiertrieb.
Für einen Fischer konnte so ein Hund durchaus praktisch sein. Ein Fisch, der beim Einholen einer Leine ins Wasser rutschte, war nicht automatisch verloren. Auch Netze oder Leinen konnten mit Hilfe eines Hundes wieder erreicht werden.
Das klingt heute nach einer netten Anekdote aus der Hundegeschichte. Für die Menschen damals war es schlicht Arbeit.
Dann kamen die Hunde nach England
Im 19. Jahrhundert gelangten St. John’s Water Dogs mit Schiffen nach England. Dort entdeckten Jäger schnell eine andere ihrer Fähigkeiten: Sie apportierten hervorragend.
Unter den Menschen, die sich für diese Hunde interessierten, waren der Earl of Malmesbury und der Duke of Buccleuch. Die Hunde wurden für die Jagd auf Wasserwild eingesetzt und weitergezüchtet.
Damit begann ein Kapitel, das für Hundebesitzer bis heute viel wichtiger ist.
Aus den verschiedenen Linien und ihrer gezielten Weiterzucht in England entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts der Labrador Retriever.
Die Geschichte war allerdings kein sauber geplanter Zuchtplan nach dem Motto „aus diesem Hund machen wir jetzt den Labrador“. Es waren verschiedene Linien, verschiedene Züchter und verschiedene Jagdhunde beteiligt.
Besonders wichtig wurden später Hunde aus den Linien von Malmesbury und Buccleuch.
Der heutige Labrador ist deshalb nicht einfach ein St. John’s Water Dog mit einem neuen Namen. Aber ohne diese alte Neufundländer Landrasse wäre seine Geschichte kaum denkbar.
Auf Neufundland wurde es dagegen eng
Während sich die Nachfahren der Hunde in England weiterentwickelten, geriet der ursprüngliche Hund auf Neufundland zunehmend unter Druck.
Im 19. Jahrhundert wurden dort die Haltung von Hunden und ihre Besteuerung zunehmend eingeschränkt. Hintergrund war unter anderem der Versuch, die Schafhaltung zu fördern. Für Fischer und andere Menschen, die auf ihre Hunde angewiesen waren, wurden Hunde damit zu einem zusätzlichen Kostenfaktor.
Gleichzeitig wurde der Austausch mit Großbritannien schwieriger.
Großbritannien führte 1885 strenge Quarantänebestimmungen für importierte Tiere ein, insbesondere um die Verbreitung der Tollwut zu verhindern. Für Hunde aus Neufundland wurde damit der Weg nach England erheblich schwieriger.
Der Bestand des St. John’s Water Dog ging weiter zurück.
Und anders als beim Labrador gab es niemanden, der aus dem verbliebenen Bestand eine neue, organisierte Zucht aufbaute.
Zwei alte Rüden waren am Ende übrig
Besonders bemerkenswert ist, dass der St. John’s Water Dog noch bis ins 20. Jahrhundert hinein existierte.
Die Zahl der Hunde war allerdings bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. In den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren wurden schließlich noch zwei bekannte Exemplare fotografiert.
Beide waren alt.
Und beide waren Rüden.
Damit war die Geschichte praktisch zu Ende. Selbst wenn irgendwo noch ein weiterer Hund mit ähnlichem Aussehen gelebt haben sollte, konnte mit diesen beiden Tieren keine eigenständige Population mehr aufgebaut werden.
Anfang der 1980er-Jahre galt der St. John’s Water Dog als ausgestorben.
Ganz verschwunden ist er trotzdem nicht
Wenn heute ein schwarzer Labrador mit einem kleinen weißen Brustfleck vor einem steht, ist das natürlich kein St. John’s Water Dog.
Aber manche Merkmale der alten Landrasse sind in modernen Hunden erhalten geblieben. Vor allem ihre Wasserfreude, ihre Apportierfreude und ihre enge Zusammenarbeit mit dem Menschen gehören zu dem Erbe, das über die Retriever weitergegeben wurde.
Und vielleicht ist genau das der interessante Teil dieser Geschichte.
Hunderassen verschwinden nicht immer spurlos. Manchmal verschwindet der ursprüngliche Hund – und seine Fähigkeiten leben in anderen Hunden weiter.
Wenn ich hier an der Nordsee einen Labrador sehe, der ohne langes Zögern ins Wasser läuft, wirkt die Geschichte des alten St. John’s Water Dog plötzlich gar nicht mehr so weit weg.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Bei gesundheitlichen oder verhaltensbezogenen Fragen zu Ihrem Hund wenden Sie sich bitte an Ihre Tierarztpraxis oder eine qualifizierte Verhaltensberatung.

