Attackenreiter unerwünscht!

Endlich bekam das Ehepaar seinen heiß ersehnten Hund. Es war ein kleiner, knuffiger, schwarzer Rüde, voller Temperament und Lebensfreude. Dass vor allem Rüden ein besonderes Händchen brauchen, und auf was es ankommt, wurde ihnen vom Züchter gesagt, und mit einem Erziehungsheftchen bewaffnet gingen sie heim.

Natürlich waren sie überzeugt, dass aus diesem Hund einmal ein ganz lieber, wohlerzogener Hund wird, den man immer und überall mit hinnehmen kann. Sie hatten keine Kinder, und der Hund war nun ihr Lebensinhalt. Es sollte ihr Hund sein!

In den ersten Monaten lief alles hervorragend. Sie kam auf jeden Arbeitstag und Spaziergang, den der Züchter anbot. Außerdem belegte sie noch einen Welpen-Erziehungskurs in ihrer Nähe. Er lernte schnell und gut und mit viel Freude.

Er durfte immer und überall dabei sein und die Leute, die in ihre Firma kamen, wurden auch immer freundlich begrüßt. War Frauchen in irgend etwas unsicher, rief sie ihre Züchterin an. Alles klappte wunderbar. Friede, Freude, Eierkuchen!

Aber dann kam die Zeit der Pubertät, und auf einmal fing der Hund an, bestimmte Leute anzuknurren.

Das waren aber nicht etwa Fremde, sondern Freunde mit einer kleinen Tochter und einem Welpen, die oft kamen und auch keine Angst vor ihm hatten. Mehr oder weniger von einem Tag auf den anderen wurde diese Familie knurrend und mit gestellter Rute begrüßt. Selbst das Kind wurde angeknurrt, als es den Hund (wie immer) streicheln wollte. Der Welpe bekam gleich erst einmal die Leviten gelesen.

© javier brosch - Fotolia.com
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Keiner verstand diese Reaktion und die Besitzerin tat, wie ihr vom Züchter empfohlen, und wies den Hund zurecht und schickte ihn auf seinen Platz.

Die ersten Male klappte das noch ganz gut, denn der Hund akzeptierte und nach einiger Zeit hatte er sich beruhigt und spielte dann mit Kind und Welpe. Aber dieser Empfang steigerte sich immer mehr. Am Schluß wurde sogar Frauchen angeknurrt und bekam seine Zähne zu sehen. Erschrocken und entsetzt ließ sie aus. Natürlich empfahl die Züchterin, ja nicht nachzugeben, denn die erste Runde hätte sie schon verloren und sie könnte sich gleich auf noch mehr Gegenwehr ihres Hundes einstellen.

Als sie ihn also „mal wieder“ zurecht wies und auf seinen Platz brachte (weil er in der Zwischenzeit schon nicht mehr bereit war, auf Kommando dort hinzugehen), wurde er richtig massiv und sie hatte einen regelrechten Kampf, bis er endlich nachgab.

Die Arbeitstage wurden auch zu einer Plage, denn er entwickelte sich zu einem fürchterlichen Raufer, der im Eifer des Gefechtes oft nicht gleich den Unterschied zwischen Rüden, Hündinnen und Welpen erkannte.

Ohne jede Vorwarnung stürzte er sich immer wieder auf irgendeinen Hund. Erst wenn er registrierte, dass es eine Hündin oder ein Welpe war, ließ er aus. Hatte er einen Rüden erwischt, gings richtig zur Sache und die Ausbilder mußten mehrere Male eingreifen.

Ließ sie ihn nicht von der Leine, steigerten sich seine Aggressionen natürlich, denn er hing voll in den Seilen und sie zog, so gut sie konnte, dagegen. Sie brachte ihn nicht in die Unterordnung, d.h. er akzeptierte die Leine nicht und blieb auch nicht ruhig bei Fuß. Er akzeptierte ihr Kommando nicht.

Immer wieder rief sie ihre Züchterin an und berichtete von neuen Zwischenfällen und Problemen und sie diskutierten stundenlang, um auf die Lösung zu kommen, warum das so war. Die Züchter legten ihr immer wieder nahe, richtig durchzugreifen.

Sie sah das auch ein und wollte es auch tun, aber irgendwie funktionierte das einfach nicht. Die Züchter gingen sie dann besuchen.

Aber da benahm sich der Hund, zur großen Überraschung von allen, tadellos. Sogar deren Hunde konnten ohne Probleme ins Haus. War der Rüde immer mal wieder für ein paar Tage zur Pflege bei den Züchtern, gab es auch keine Zwischenfälle. Er war zu jedem lieb, jeder Besucher konnte ungehindert ins Haus und mit allen Hunden wurde gespielt.

Auf Spaziergängen hörte er gut und er büchste nicht einmal aus, wenn irgendwo ein Rüde kam. Natürlich mußte man ihn gut in die Unterordnung nehmen. Aber wußte er erst einmal, wen er vor sich hatte, war er einfach zu führen. Er war also keiner von der Gattung „aggressiv und unberechenbar“, was den Züchter beruhigte, denn dann war noch nicht aller Tage Abend.

So nach und nach kristallisierte sich heraus, dass das Problem bei den Besitzern zu suchen sein mußte.

Der Hund hatte sich den Ehemann als Boß ausgesucht. Der wollte aber nicht, denn es war ja ihr Hund und hielt sich bei allem raus. Sie ließ ihn aber auch nicht, wenn er mal einen Versuch unternahm, denn es ärgerte sie, wenn der Hund auf ihn sofort hörte, während sie sich abkämpfen mußte. Sie war der Meinung, dass der Hund auf sie genau so gut hören müßte.

Nun ist aber nicht die logische Schlußfolgerung, dass sie automatisch zum Boß wurde, nur weil er es nicht sein wollte (oder durfte)!

Der Hund übernahm die Position des Bosses, denn sie war schon immer für ihn der Kumpel. Von einem Kumpel läßt man sich aber nicht derart in den Senkel stellen. War der Boß auch anwesend, ließ er sich gar nichts sagen, denn für den Hund war das Nichtstun des Bosses eine Bestätigung, dass sein Verhalten richtig war (z.B. das Anknurren von Besuch).

Sie hatte auch die Einstellung, dass man einen Hund „nur mit Liebe“ erziehen kann und war schon kurz davor zu akzeptierten, das sein Verhalten „eben so ist“.

Sie war, wie man das so schön sagt, ein Softie und konnte den Problemen, die sich ständig steigerten, nicht mit den richtigen Aktionen entgegen stehen. Sie mußte aber bald einsehen, dass das nicht funktioniert. Aber sie konnte es einfach nicht.

© Callalloo Twisty - Fotolia.com
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Eigentlich war allen klar, wo das endet, wenn nicht beide endlich Position beziehen.

Bei den Besitzern war er nämlich einer der Gattung „aggressiv und unberechenbar“ und das Ganze hätte sich so weit gesteigert, dass sie den Hund wegen Besuch hätten wegsperren müssen, Arbeitstage keinen Sinn mehr hätten, weil man doch mehr Zeit beim Tierarzt als auf dem Platz zubringen würde und nur noch einsame Spazierwege ausgesucht werden könnten. Natürlich waren sich alle einig, dass man das nicht wollte.

So nach und nach wurden neue Verhaltensregeln aufgestellt. Der Boß (Mann) übernahm seine Position, was der Hund dankbar annahm und sehr gut auf ihn hörte. Es wurde niemand mehr angeknurrt oder Hunde angegriffen.

Sie lernte dann doch noch, dass es nicht nur mit Liebe geht. War sie mit dem Hund alleine, griff sie richtig durch und auch ihre Stimme bekam den richtigen Ausdruck. Sein ungünstiger Platz (erhöht auf einem Treppenabsatz) wurde nach unten verlegt. So blickt er nicht mehr von oben herab.

Alle Probleme lösten sich in Luft auf. Seit dem „Groschenfall“ sind nun einige Monate vergangen. Seitdem der Hund seinen Boß hat und nun weiß, wo seine Grenzen sind, gibt es keine „Aussetzer“ mehr. Und was er bei seinem Boß gut gelernt hat, funktioniert nun auch bei ihr. Heute kann sie mit ihrem Hund überall problemlos hingehen.

Sie kommt an Rüden vorbei, ohne ihn anleinen zu müssen. Natürlich muss sie ihn in die Unterordnung nehmen, aber er hört! Sie setzt ihn sogar vor einem Geschäft ab (ohne Leine) und er wartet geduldig, bis sie wieder kommt und ohne sich vom Platz zu rühren.

Das Arbeiten auf dem Platz macht nun noch viel mehr Spaß.

Natürlich sind andere Rüden nicht uninteressant geworden. Aber es reicht, wenn sie ihn abruft und einfach schaut, dass sie eine größere Distanz zu den anderen Rüden behält. Die anderen Rüdenbesitzer achten auch darauf, und so gibt es endlich wieder Arbeitstage, wo man sagen kann „Heute hat es nicht geknallt!“, und das ist toll, wenn im Schnitt mindestens 10 ausgewachsene Rüden frei auf dem Platz umher laufen.

Allen Teilnehmern ist sicher auch wohler, denn jetzt braucht keiner mehr die Luft anzuhalten, wenn dieser Rüde kommt.

Erziehung bedeutet auch, dass jeder in seinem Familienrudel seine Rolle wahrnimmt und ausübt.

Bei aller nötigen Konsequenz darf man die Liebe nicht vergessen! Aber was oft noch viel wichtiger ist: Vor lauter Liebe darf man die Konsequenz nicht vergessen (auch nicht die Konsequenz daraus, was sich entwickelt, wenn sich die Menschen falsch verhalten)!