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Vom Sinn und Unsinn der Welpentests

Was soll der Welpentest aussagen?

Sie sollen Auskunft über die Qualitäten und Anlagen junger Hunde geben und helfen, für jedes Tier einen geeigneten Besitzer zu finden: Welpentests.

Im Grunde kein verkehrter Ansatz. Dennoch sind die meisten Welpentests nur bedingt aussagekräftig.

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Ein Urteil über die weitere Entwicklung eines sechs bis sieben Wochen alten Welpen zu wagen, ist im Grunde Kaffeesatzleserei.

Es ist in etwa so, als würde man für ein dreijähriges Menschenkind eine Prognose hinsichtlich seiner sozialen Fähigkeiten, seines künftigen schulischen Fleißes, seiner Führungsqualitäten und seiner Intelligenz abgeben und darüber spekulieren, ob es später mal als Bäcker, Kampfschwimmer oder Herzchirurg erfolgreich sein soll.

Mit Hunden verhält es sich nicht anders. Hinzu kommt, dass viele „ausgewiesene Spezialisten“, die Welpentests anbieten, von dem, was sie testen, tatsächlich wenig Ahnung haben.

Wie wenig, lässt sich oft schon an der bloßen Beschreibung eines Welpentests erkennen.

So ist etwa ein Bestandteil von Welpentests ein so genannter „Prägungstest“. Zu diesem Zweck wird der Welpe in einen ihm fremden Raum, zur ihm fremden Testperson gebracht. Die Testperson schaut sich nun das Erkundungsverhalten an, lockt den Welpen zu sich, streichelt ihn und animiert ihn zum nachlaufen.

© puje - Fotolia.com
© puje – Fotolia.com

Ein Welpe, der fröhlich durch die Gegend rennt, alles beschnüffelt und sich dann auch noch willig und vergnügt auf die Testperson einlässt, schneidet im „Prägungstest“ gut ab. Ob er das gleiche fröhliche Verhalten vier Wochen später im Einkaufszentrum, im Garten der Oma oder in der Welpenschule immer noch drauf hat, steht auf einem anderen Blatt.

Und: Über eine „Prägung“ des Welpen erfährt der Tester rein gar nichts. Zwar wird Hunden in den ersten Lebenswochen eine „Prägephase“ nachgesagt. Im verhaltensbiologischen Sinne „prägen“ lassen sich Hunde aber nicht.

Prägung

„Prägung“ bedeutet, dass in einem Tier eine genetische Vorgabe existiert, die bewirkt, dass das Tier gegenüber einem ganz bestimmten Reiz automatisch in ganz bestimmter Weise reagiert. Prägungen sind unumkehrbar.

Das bekannteste Beispiel für Prägung sind die berühmten Gänse des Verhaltensforschers Konrad Lorenz.

Prägung Gänsekücken
Gänsekücken

Gänseküken bringen eine genetische Vorgabe mit, strikt dem ersten großen, beweglichen Objekt zu folgen, das sie nach dem Schlupf erblicken.

Natürlicherweise ist das die Gänsemutter, doch wenn Gänseküken anstelle der Mutter einen Menschen erblicken, folgen sie fortan ihm. Das Prägungsobjekt muss nicht einmal lebendig sein – Gänseküken sind ebenso bereit, einem ferngesteuerten Spielzeugauto zu folgen, einem Ball oder, wie im Film „Amy und die Wildgänse“, einem Ultraleichtflugzeug.

Hunde verfügen nicht über eine solche genetische Vorgabe.

Dennoch hat es schon Leute gegeben, die kleine Welpen unter die Dusche setzten, „um sie auf Wasser zu prägen“. Arme Hunde! Es wäre richtiger, beim Hund nicht von „Prägung“ bzw. „Prägung und Sozialisierung“, sondern nur von „Sozialisierung“ zu sprechen. Sozialisierungsprozesse lassen sich im Nachhinein weiter beeinflussen.

Ein Welpe, der im „Prägungstest“ gut abschneidet, kann ein Welpe auf einem guten Weg in Richtung Sozialisierung sein, aber kein irgendwie „geprägter“ oder ähnlich beurteilbarer.

Sozialisierungstest

Ein „Sozialisierungstest“ ist in der Regel ebenfalls Bestandteil von Welpentests. Dabei rollt die Testperson den Welpen auf den Rücken und hält ihn fest, bzw. hebt den Welpen hoch.

Der Haken dabei: Erstens wird auf diese Weise keineswegs getestet, „wie gut der Welpe sozialisiert ist“, zweitens sagt das Testergebnis auch nichts darüber aus „wie ‚dominant‘ der Hund einmal wird“ oder „wie bereitwillig sich der Hund unterwirft“. „Sozialisierung“ ist nichts Angeborenes und mit sechs Wochen hat ein Hund in dieser Hinsicht gerade die ersten Schritte gemacht.

Im besten Fall hat der Welpe bereits gelernt, dass Manipulationen durch Menschenhand „nichts Schlimmes“, bzw. sogar „sehr schön“ sind. Im schlechtesten Fall hat er damit gar keine Erfahrung, ist aber zu überwältigt, um etwas anderes als „Ergebenheit“ zu zeigen.

Objekt-Test

Gleichermaßen fragwürdig wird bei genauerer Betrachtung der „Objekt-Test“, bzw. „Test auf optische Reize“. Hierbei wird der Welpe mit ihm unbekannten Gegenständen konfrontiert. Rennt er hin, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen, hineinzubeißen und herumzutragen, kann er punkten. Sitzen und gucken bedeutet eine negative Wertung.

Nun unterscheidet die Verhaltensbiologie Individuen aber nach so genannten A-Typen und B-Typen. A-Typen zeigen sich forsch und draufgängerisch, müssen zu allem Neuen sogleich hinrasen und es intensiv erkunden.

© Patryk Kosmider - Fotolia.com
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Sie wirken sehr wach, sind leicht zu begeistern und oft außerordentlich temperamentvoll. B-Typen besitzen ein gewisses Phlegma, beschauen sich die Dinge aus der Distanz und gehen Konflikten häufig aus dem Weg, indem sie sie sprichwörtlich „aussitzen“.

Diese „Grundcharaktere“ sind schon bei noch sehr jungen Tieren (im Übrigen auch bei Menschen) deutlich identifizierbar.

Bei der Frage, welcher Hund zu welchem Menschen passt, gilt hier „Gegensätze ziehen sich an“ genauso wie „Gleich und Gleich gesellt sich gern“.

Die klassischen B-Typen machen im herkömmlichen „Objekt-Test“ aber eher negativ auf sich aufmerksam. Das liegt jedoch am Test, nicht am Hund. Ähnlich verhält es sich mit dem berühmten Schlüsselbund, bzw. einem akustischen Reiz, mit dem die Ängstlichkeit eines Welpen getestet werden soll: In höchstem Grade gelobt wird, wenn der Welpe sich vom Gerassel nicht beeindrucken lässt. Wer allerdings durch nichts zu erschüttern ist, kann auch taub oder sonst wie gestört sein.

Bezeichnenderweise widersprechen sich sämtliche „Welpentester“ selbst, wenn sie sich ein Urteil über einen Welpen erlauben, dann aber betonen, dass es mit dem Hund auch ganz anders weitergehen kann.

Hinzu kommt: Auch Hunde entwickeln sich individuell und jeder Welpe in seinem eigenen Tempo. Wozu dann einen Welpentest, mag sich mancher fragen. Als Spaßvergnügen ist er meist zu teuer.

Und wenn das Prädikat „Bester im Welpentest“ beim neuen Besitzer zu der Erkenntnis führt, dass man mit diesem Hund „nicht mehr so viel machen muss“, geht der Schuss wahrscheinlich nach hinten los.

© S.Aias - Fotolia.com
© S.Aias – Fotolia.com

Ein fähiger Trainer kann aus einem mittelprächtigen Hund einen Überflieger machen, sein unfähiger Kollege einen hervorragenden Hund zum Versagen prädestinieren.

Fazit:

 „Professionelle“ Welpentests sind überflüssig.

Züchter dürfen sich auf ihre Beobachtungen und auf ihre Erfahrung verlassen, Welpenkäufer auf ihr Bauchgefühl. Es geht nicht darum, den „perfekten Hund“ zu schaffen oder auszusuchen. Hunde sind Lebewesen und schon deshalb alles andere als perfekt, gerade im Kleinstkindalter.

Ein Welpentest offenbart nichts, was Welpenkäufer nicht auch selbst herausfinden könnten, wenn sie sich Zeit nehmen für Gespräche mit dem Züchter, für das Beobachten der Welpen und das Spielen mit den Kleinen, gegebenenfalls in Begleitung eines versierten Hundetrainers oder Verhaltensberaters. Seriöse Züchter stehen dem sehr offen gegenüber und verbergen nichts.

Vielfach raten sie unentschlossenen Welpenkäufern am Ende, einfach die Hunde entscheiden zu lassen. Eine Strategie, die sich lohnt: Denn wenn die „Chemie“ stimmt, ergibt sich alles andere von ganz allein.

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