Hunde und der Besuch

Der Hund, der schon weiß, dass Besuch kommt

Es gibt Hunde, die hören die Klingel. Und es gibt Hunde, die längst vorher den Kopf heben, weil draußen offenbar etwas passiert, das sie betrifft.

Bei uns beginnt es meistens mit einem Blick zur Haustür. Nicht dramatisch. Kein Bellen, kein Aufspringen. Nur dieser kurze Moment, in dem der Hund mitten im Schlaf den Kopf hebt, als hätte draußen jemand sehr leise seinen Namen gesagt.

Dann wird noch einmal gelauscht.

Ich höre nichts.

Der Hund offenbar schon.

Hund merkt Besuch vorher: Warum er schon im Flur wartet

Die Vorwarnung aus dem Flur

Zunächst ignoriert man das natürlich. Hunde schauen schließlich öfter mal in den Flur. Vielleicht knackt irgendwo die Heizung. Vielleicht fährt ein Auto vorbei. Vielleicht hat der Nachbar seinen Mülltonnendeckel mit etwas zu viel Schwung geschlossen.

Der Hund bleibt aber nicht liegen. Er schaut zur Tür.

Dann steht er auf.

Nicht hektisch. Eher so, als kenne er den Terminplan besser als ich. Er geht in den Flur, bleibt dort stehen und richtet den Blick auf die Haustür.

Spätestens jetzt beginnt man selbst zu überlegen: Kommt jemand? Habe ich etwas vergessen? War für heute ein Paket angekündigt? Ist es vielleicht der Nachbar, der sich das geliehene Werkzeug zurückholen möchte, das seit drei Monaten friedlich in der Garage liegt?

Der Hund hat seine Meinung dazu offenbar längst gebildet.

Noch bevor die Klingel klingelt

Dann passiert es. Schritte auf dem Gehweg. Ein kurzes Klacken am Gartentor. Vielleicht raschelt eine Jacke. Für Menschen ist das erst einmal nur Straße, Wetter und ein ganz normaler Nachmittag.

Der Hund wirkt dagegen, als sei die Sache längst geklärt.

Die Körpersprache ändert sich. Manche Hunde stehen plötzlich gerade da, als beginne jetzt ihr Dienst. Andere laufen einmal durch den Flur, prüfen das Wohnzimmer und kehren wieder zur Tür zurück. Einige lassen ein leises Brummen hören, das ungefähr sagt: Ich möchte nur festhalten, dass ich die Lage im Blick habe.

Dann klingelt es.

Und natürlich wirkt der Hund für einen Moment so, als habe ihn diese Entwicklung völlig überrascht.

Er bellt, weil nun offiziell bestätigt ist, dass dort draußen tatsächlich jemand steht. Schließlich kann man nicht erwarten, dass eine so gründlich vorbereitete Angelegenheit einfach ohne Kommentar über die Bühne geht.

Besuch ist nicht gleich Besuch

Interessant wird es bei Menschen, die der Hund kennt. Manche Hunde reagieren schon auf eine bestimmte Stimme, ein Auto oder den besonderen Klang eines Gartentors. Andere bleiben erst einmal abwartend und prüfen die Situation, sobald die Tür aufgeht.

Und dann gibt es Menschen, bei denen der Hund zufällig genau im Flur steht. Ganz entspannt. Ganz unbeteiligt. Aber selbstverständlich an der Stelle, von der aus Schuhe, Hände, Taschen und Stimmung des Besuchs am besten kontrolliert werden können.

Besonders verdächtig sind Taschen.

Taschen können Essen enthalten. Taschen können Leckerlis enthalten. Taschen können aber auch völlig nutzlose Dinge enthalten wie Schlüssel, Bücher oder einen Regenschirm. Man muss sie trotzdem sorgfältig begutachten. Verantwortung endet nicht an der Wohnungstür.

Die Menschen kommen immer zu spät

Das Erstaunliche ist nicht, dass Hunde manche Geräusche früher oder anders wahrnehmen als wir. Bei hohen und leisen Tönen sind sie uns oft deutlich voraus.

Ob der Hund tatsächlich weiß, wer kommt, lässt sich nicht immer sagen. Aber Schritte auf dem Gehweg, ein Gartentor, ein Auto vor dem Haus oder eine vertraute Stimme reichen manchen Hunden offenbar schon, um aufmerksam zu werden. Während wir noch überlegen, ob da draußen überhaupt jemand ist, steht der Hund längst im Flur.

Was dann folgt, sieht bei jedem Hund anders aus. Der eine freut sich, der nächste meldet Besuch mit großem Ernst an, ein anderer würde die Sache lieber aus etwas mehr Entfernung beobachten. Bellen bedeutet nicht automatisch dasselbe.

Sicher ist nur: Die Klingel kommt für den Hund selten überraschend. Sie bestätigt meist nur, was seine Ohren schon vorher gemeldet haben.

Man könnte ihm dafür danken.

Man könnte ihm aber auch erklären, dass der Paketbote vermutlich nicht eingebrochen wäre, wenn man die Tür nicht innerhalb von drei Sekunden geöffnet hätte.

Der Hund wird dazu keine Stellungnahme abgeben.

Er steht noch im Flur.

Klaus Neumann
Ein Artikel von

Klaus Neumann

Gründer von welpen.de (1997) und Hauptautor der Plattform seit 1997. Seine Hunde-Artikel verbinden fast 35 Jahre persönliche Erfahrung in der Hundehaltung mit sorgfältiger Quellenrecherche und journalistischer Redaktion.