Sniffari: Der Spaziergang, bei dem die Nase den Plan macht
Es gibt diese Gassirunden, bei denen man eigentlich nur schnell einmal los möchtef. Jacke an, Leine dran, eine Runde um den Block, zurück. Unser Hund hat dazu allerdings oft eine eigene Meinung.
Vor der Haustür hängt schon die erste Nachricht am Zaun. Drei Meter weiter liegt offenbar die nächste Ausgabe der Hundezeitung im Gras. Und an der Hecke steht eine Überschrift, die so wichtig sein muss, dass sie gründlich gelesen wird. Sehr gründlich.

Genau dafür gibt es den Begriff Sniffari: ein Spaziergang, bei dem nicht Strecke, Tempo oder Schrittzahl im Mittelpunkt stehen, sondern der Hund in Ruhe Gerüche aufnehmen darf. Er darf stehen bleiben, suchen, umdrehen oder ein paar Meter zurückgehen, wenn dort offensichtlich noch etwas nicht abschließend geklärt wurde.
Der Mensch geht mit. Er achtet auf Straße, Leinenpflicht, andere Hunde, Radfahrer und alles, was aus einem entspannten Spaziergang schnell eine Diskussion am Ende der Leine machen könnte. Die Route darf der Hund mitgestalten. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.
Was unterwegs wirklich passiert
Wir sehen einen Weg, eine Wiese, zwei Bäume und vielleicht noch die Mülltonne von gestern. Der Hund liest dieselbe Strecke deutlich ausführlicher. Wer war hier? Wann war er da? War der andere Hund entspannt, aufgeregt, krank, läufig oder einfach nur schlecht gelaunt? Für uns ist das ein Grasbüschel. Für den Hund kann es der lokale Nachrichtendienst sein.
Deshalb ist es wenig sinnvoll, jedes Stehenbleiben sofort als Trödeln zu behandeln. Manche Hunde ziehen nicht, weil sie unbedingt nach vorne wollen. Sie ziehen, weil sie zu einer Stelle möchten, an der für sie noch etwas offen ist. Das macht das Ziehen nicht automatisch in Ordnung. Es erklärt aber, weshalb ein ständiges „Weiter jetzt“ die Sache manchmal eher verschärft als verbessert.
Ein Hund, der zu Beginn des Spaziergangs ein paar Minuten ohne Hast schnüffeln darf, läuft später oft leichter mit. Nicht, weil er plötzlich geschniegelt an der lockeren Leine marschiert, sondern weil die wichtigste Lektüre des Tages erledigt ist. Es gibt natürlich Hunde, die danach noch immer sehr genau wissen, wohin sie möchten. Auch das ist dann erstmal eine Information und kein persönlicher Angriff auf die Erziehung.
Schnüffeln ist nicht immer dasselbe
So schön die Idee ist: Nicht jedes Schnüffeln bedeutet automatisch Entspannung. Manche Hunde schnüffeln auffällig viel, wenn ihnen eine Begegnung zu nah wird, wenn sie unsicher sind oder wenn die Lage für sie gerade zu viel wird. Die Nase am Boden kann dann auch ein Ausweichmanöver sein.
Das merkt man meist nicht an einem einzelnen Schnüffelstopp, sondern am Gesamtbild. Ist der Hund locker? Kann er den Kopf wieder heben? Nimmt er Kontakt zum Menschen auf? Oder wirkt er hektisch, angespannt, rastlos und kaum ansprechbar? Wer nur auf die Nase schaut, übersieht schnell den Rest des Hundes.
Auch ein Sniffari braucht deshalb keine große Philosophie, sondern Aufmerksamkeit. Ein unsicherer Hund kann von einer kurzen, vertrauten Runde mit Zeit zum Riechen mehr haben als von einer langen Tour mit vielen unbekannten Reizen.
Ein junger Hund möchte vielleicht jede Ecke prüfen. Ein älterer Hund braucht oft keine große Strecke mehr, aber durchaus die Gelegenheit, in seinem Tempo unterwegs zu sein. Und bei Hunden mit Jagdinteresse gilt: Der beste Geruch der Welt ist kein Grund, die Sicherung auszuschalten.
Wo es im Alltag oft hakt
Ein häufiger Fehler ist die falsche Erwartung an die lange Leine. Sie macht aus einem Hund nicht automatisch einen souveränen Spaziergänger. Wenn der Hund im Zickzack läuft, die Leine um Bäume wickelt und der Mensch schon nach fünf Minuten aussieht, als hätte er einen kleinen Drachen ausgeführt, ist das kein gelungener Schnüffelspaziergang. Dann hilft meist weniger Leinenlänge, ein ruhigerer Bereich oder einfach eine klarere Absprache.
Auch der Mensch spielt eine größere Rolle, als man manchmal zugeben möchte. Wer mit dem Handy am Ohr, dem Kopf bei der Einkaufsliste und dem Blick auf der Uhr unterwegs ist, bemerkt weder, ob der Hund entspannt schnüffelt, noch ob er gerade ausweicht. Ein paar Minuten aufmerksam mitzugehen, ist oft mehr wert als eine besonders lange Runde im Autopilot.
Und dann ist da noch die Hoffnung, der Hund müsse nach viel Schnüffeln automatisch wie ein zufriedener Teppich in sein Körbchen fallen. Das kann passieren. Muss es aber nicht. Manche Hunde sind nach neuen Gerüchen erst einmal deutlich wacher, weil unterwegs viel los war. Ruhe entsteht bei vielen erst später, wenn sie zu Hause abschalten können.
Der Spaziergang muss nicht perfekt sein
Vom Schnüffeln allein lösen sich alte Baustellen natürlich nicht. Ein Hund mit Jagdthema braucht weiterhin Absicherung. Ein Hund, der bei Artgenossen aus der Haut fährt, braucht weiterhin Abstand, gutes Management und passendes Training. Ein Hund, der an der Leine zieht, lernt nicht durch eine einzige langsame Runde plötzlich höfliches Gehen.
Aber ein Sniffari kann den Alltag angenehmer machen. Nicht als Belohnung, die nach dem „richtigen“ Laufen freigeschaltet wird, sondern als normaler Teil des Spaziergangs. Es darf Abschnitte geben, in denen der Hund schauen und riechen kann. Und es darf Abschnitte geben, in denen der Mensch entscheidet: Jetzt wechseln wir die Straßenseite, jetzt gehen wir weiter, jetzt ist die Leine kürzer.
Am Ende muss niemand gewinnen. Der Mensch kommt voran, der Hund bekommt Zeit für seine Umgebung – und die Hecke hat endlich sagen dürfen, was sie zu sagen hatte.
Hinweis: Dieser Beitrag wurde nach bestem Wissen recherchiert und erstellt. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen. Bei gesundheitlichen oder verhaltensbezogenen Fragen zu Ihrem Hund wenden Sie sich bitte an Ihre Tierarztpraxis oder eine qualifizierte Verhaltensberatung.


