Ein Wurf für meine Hündin

Jeder Besitzer einer Hündin wird wohl im Laufe der Zeit vor die Frage gestellt, ob er mit dieser Hündin nicht einen Wurf machen sollte.

Angesprochen von Züchtern, anderen Besitzern auf Spaziergängen (die womöglich gleich ihren Rüden „anbieten“) oder gar von Richtern auf der Ausstellung, dürfte der Gedanke an sich für jeden etwas Reizvolles haben.

Leider wird diesem Reiz allzu oft nachgegeben, sei es durch Gedankenlosigkeit, durch Egoismus oder aus der irrigen Meinung heraus, dass es medizinisch für die Hündin notwendig und gut sei.

Vorteile für die Zucht.

Natürlich kann es durchaus sinnvoll sein, eine Hündin für einen Wurf einzusetzen. Der Züchter kann nicht alle vielversprechenden Welpen selber behalten. Außerdem könnte sich ein Welpe derart gut entwickeln, dass der Einsatz für die Zucht an sich vorteilhaft erscheint.

Züchter sind schließlich keine Hellseher und es ist schwierig, nach sechs bis acht Wochen festzustellen, welcher der Wollknäuel sich zum Zuchthund eignen wird.

Das Interesse an dem Wurf wird in diesem Fall mit Sicherheit vom Züchter ausgehen, und Besitzer der Hündin und Züchter sollten gemeinsam dafür sorgen, dass die notwendigen Zuchtvoraussetzungen auch erfüllt sind. Diese sind natürlich von Rasse zu Rasse unterschiedlich.

Winter
Winter

Im Falle der Weissen Schäferhunde oder Berger Blanc Suisse sollte sie mindestens auf HD (und ggfs ED) geröntgt sein, ein einwandfreies Wesen und entsprechende Ausstellungserfolge aufweisen und dem Rassestandard entsprechen. Die Aufzuchtmöglichkeiten müssen ebenfalls gegeben sein.

Sind sie beim Besitzer nicht optimal und ist die Entfernung zum Züchter nicht zu weit, könnte die Hündin für einige Wochen zum Züchter gegeben werden.

Man sollte sich aber klar machen, dass sie zwei bis drei Monate von ihrem Besitzer getrennt ist, dass sie sich in dieser Zeit in einem Ausnahmezustand befindet und daher ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Besitzer und Züchter unabdingbar.

Die Aufzucht der Welpen beim Züchter bietet zwar den Vorteil, dass der Züchter über die Erfahrung der Welpenaufzucht verfügt, sie beinhaltet aber gleichzeitig den grossen Nachteil, dass die Hündin ihr Zuhause vorübergehend aufgeben muss. Daher sollte der Schritt wirklich gut überlegt sein.

Dieser Fall – also der Einsatz einer Hündin, die sich extrem gut entwickelt hat – kann eine Bereicherung für das gesamte Zuchtwesen einer Rasse bedeuten und ist von der folgenden Kritik ausgenommen.

So jedoch nicht !

Leider reisst in den meisten Fällen der Kontakt zum Züchter nach dem Kauf mehr oder weniger ab. Bedauerlich ist, dass das nicht nur an den Besitzern liegt, die manchmal gewillt sind, den Kontakt aufrecht zu erhalten, dies aber dem Züchter eher lästig ist.

Aus den unterschiedlichsten Gründen kommt der Hündinnenbesitzer nun auf die Idee, einen Wurf selber aufzuziehen. Die häufigste Erklärung dürfte sein, dass der Tierarzt gesagt hat, es sei gut für die Hündin, einen Wurf zu haben.

Die Tierärzte, mit denen ich gesprochen habe, erklärten übereinstimmend, dass dies ein Ammenmärchen sei, das medizinisch längst überholt ist, sich aber hartnäckig in den Köpfen hielte. Könnte es vielleicht sein, dass dies einfach die bestklingendste Erklärung ist? Es hört sich gut an, man möchte das Beste für seine Hündin.

Die Wirklichkeit dürfte hier etwas anders aussehen – man möchte das Beste für sich selbst.

Der häufigste Grund ist wahrscheinlich, dass der Besitzer selbst nicht auf das „Erlebnis Geburt“ und die Aufzucht der niedlichen Welpen verzichten möchte. Einige sind wenigstens so ehrlich und geben es zu. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass der Besitzer die Hündin wirklich schön findet und auch einen oder zwei Welpen aus diesem Wurf behalten möchte.

Also eine auf den ersten Blick preisgünstige Weise, zu einem weiteren Hund zu kommen. Ob die Nachkommen dieser Hündin – objektiv gesehen, was wohl keinem Besitzer möglich ist – wirklich eine Bereicherung für die Rasse sind, sei hier einmal dahingestellt. Ein letzter Grund, den kaum jemand offen zugeben wird, ist das Finanzielle.

Weisser Schäferhund
Weisser Schäferhund

Die Rechnung sieht dann so aus: mit 8 Welpen kann man – bei durchschnittlich Euro 1000 pro Welpen, die bei den Weissen Schäferhunden durchaus zu erzielen sind – mit insgesamt 8000 Euro rechnen. Dagegen werden die auf den Besitzer zukommenden Kosten für Tierarzt, Decksprung, Impfungen etc eher als gering eingeschätzt.

Jeder Besitzer einer Hündin sollte aber Realist sein und auch die Risiken und Nachteile bedenken, die hier wohl überwiegen. Ich gehe noch davon aus, dass die Hündin Papiere besitzt und der Rüde ebenfalls und dass beide über die Zuchtvoraussetzungen verfügen. So sind gesundheitliche Probleme bei den Welpen mehr oder weniger auszuschliessen. Aber dennoch muss Folgendes bedacht werden:

Dem Besitzer fehlt mit großer Wahrscheinlichkeit das notwendige Wissen bei der Auswahl eines geeigneten Rüden. Einige Linien sollten nicht miteinander verpaart werden. Abhilfe kann hier die Mitgliedschaft in einem Verein schaffen, in dem Zuchtwart und Zuchtbuchamt mit Rat und Tat weiterhelfen.

Diese ist jedoch mit Kosten verbunden, die die oben angegebene Rechnung schon etwas ins Wanken bringen. Trotzdem – sollten Sie nicht von der Wurfidee abzubringen sein, wenden Sie sich an einen Verein – im Interesse ihrer Hündin und im Interesse der Rassezucht.

Auf jeden Fall fehlt dem Besitzer die langjährige Erfahrung in der Betreuung der trächtigen Hündin, bei der Geburt sowie bei der Aufzucht der Welpen. Jeder Züchter hat auch irgendwann angefangen, das ist schon richtig, aber gibt es nicht schon genügend Züchter? Und sollten wir nicht die Zucht denen überlassen, die sich damit auskennen?

Frage an die Besitzer: Wollen Sie – der Sie das Beste für Ihre Hündin wollen – das Risiko eingehen, während der Geburt nicht mehr weiter zu wissen, wenn Probleme auftreten?

Was, wenn der Tierarzt dann nicht erreichbar ist? Bereuen hilft DANN auch nichts mehr. Für die Welpenaufzucht gilt das selbe. Ein erfahrener Züchter erkennt mit einem Blick, wenn etwas nicht stimmt und hat die entsprechenden Massnahmen parat. Sie nicht. Dieser Punkt verdient es sicher, dass Sie sich im Vorfeld einige Gedanken dazu machen und eventuell eine Lösung finden.

Wie sieht es mit den räumlichen Gegebenheiten aus?

  • Können die Welpen gut genug geprägt werden?
  • Natürlich wirft die Hündin auch in einer 3-Zimmer-Wohnung und die Welpen werden auch dort gross. Aber wundern Sie sich bitte nicht, wie die Wohnung nachher aussieht und riecht.
  • Optimal für die Aufzucht ist ein eigener Welpenraum, der sich in der Wohnung befinden sollte und einen eignen Ausgang zum (eingezäunten) Garten hat.

Zum guten Schluss ein weiteres Problem: der Verkauf der Welpen. Die veranschlagten 1000 Euro sind ja gut und schön, aber sie müssen auch durchzusetzen sein. Das Angebot an Weissen Schäferhunden (und anderen Rassehunden auch, bis auf wenige Ausnahmen) ist  recht gross und Sie treten in Konkurrenz zu namhaften Aufzuchtstätten, die nicht nur in der Aufzucht, sondern auch im Verkauf eine gewisse Routine vorweisen können.

Inzwischen schauen sich viele Käufer beim Züchter genau um – die 3-Zimmer-Wohnung wird hier sicherlich eher zum Verkaufshindernis, wohingegen der Züchter eventuelle Nachteile routiniert zu seinem Vorteil „umdefiniert“.

Und bei denen, die bedenkenlos und ohne viel zu fragen kaufen, sollten SIE sich fragen, wie sie den Welpen Ihrer geliebten Hündin behandeln. Auch was den Käufer betrifft, hat der Züchter Ihnen gegenüber einen gewissen Vorteil: er kann den Käufer (hoffentlich) schnell einschätzen und so seine Welpen mit großer Wahrscheinlichkeit in ein gutes Zuhause vermitteln.

Angenommen, Sie haben einen großen Wurf mit 10 Welpen, diese sind inzwischen 10 Wochen alt und Sie haben noch 5 davon übrig, die Ihnen langsam aber sicher die Wohnungsgegenstände auseinander nehmen.

Nun haben Sie auf einmal ein ganz anderes Problem: die meisten Käufer wollen 8 Wochen alte Welpen, Ihnen läuft jetzt die Zeit davon, die Hunde werden älter und größer, die Kosten steigen. Haben Sie auch JETZT noch den Nerv, einen Kaufwilligen wegzuschicken, weil er Ihnen unsympathisch ist? Ist Ihr Leitgedanke jetzt immer noch – „Das Beste für meine Hunde?“

Damit kommen wir zum Finanziellen des Abenteuers: Die 1000 Euro  können Sie nur erzielen, wenn Sie einem Verband angehören, d.h. wenn Ihre Welpen Papiere bekommen. Ziehen Sie also von Ihrem kalkulierten Gewinn die Kosten für Zwingerschutz, Ahnentafeln, Besuch des Zuchtwartes, Tätowieren der Welpen und Zwinger- und Welpenabnahme ab.

Dann rechnen Sie mit einer Kaiserschnittgeburt (man sollte vom Schlimmsten ausgehen) – erkundigen Sie sich mal beim Tierarzt, was das kostet. Und kalkulieren Sie gleich eine neue Wohnungseinrichtung und Gartenanlage, denn Welpen sind manchmal schlimmer als ein Wirbelsturm.

Ein kleiner psychologischer Gedanke am Rande: Wenn Sie Ihre Hündin so abgöttisch lieben, wie lieb gewinnen Sie ihre Welpen in den 8 Wochen?

Nach den Ängsten der Geburt, nach eventuellen Problemen bei der Aufzucht, durchwachten Nächten usw. Sie müssen diese Hunde abgeben. Unterschätzen Sie diese Gefühle nicht – selbst langjährige Züchter brechen noch in Tränen aus, wenn „ihre Babys“ das Haus verlassen.

Zucht ohne Papiere?!

Zum guten Schluss noch ein ganz spezielles Problem: die Zucht mit Hündinnen oder Rüden ohne Ahnentafeln. Einen finanziellen Gewinn kann man getrost vergessen, die Hunde können nicht zu einem so hohen Preis verkauft werden. Sie nehmen den Besitzern jede Chance, einmal an Ausstellungen teilzunehmen. Manche legen keinen Wert darauf, andere erkennen aber erst, wie viel Spaß eine solche Ausstellung bedeutet, wenn sie einmal teilgenommen haben. Das ist aber nur ein Randeffekt.

Ein weitaus größeres Problem ist, was hier für die Zucht an sich angerichtet wird. Wenn Sie keine Papiere haben, kennen Sie auch die Ahnen nicht. Bei der relativ engen Zucht, die bei den Weissen Schäferhunden betrieben wird (werden muss, da die Linienauswahl begrenzt ist), ist es also nicht unwahrscheinlich, dass grobe Zuchtfehler gemacht werden. Sie verpaaren Ihre Hündin unbewusst mit ihrem Bruder oder ihrem Vater und erhalten womöglich kranke Welpen.

Außerdem setzt sich diese Folge fort, und das ist mit das Schlimmste an der Geschichte: Ihre Käufer werden aus den gleichen Gründen einen Wurf machen wollen, das bedeutet wieder 8-10 Welpen (pro Hündin in Ihrem Wurf), ohne dass die Ahnen bekannt sind. (Bei den Rüden des Wurfes können die Auswirkungen noch schlimmer sein).

Leider geht diese Zucht ohne Papiere oft daher mit Gedankenlosigkeit, was HD oder Wesensfehler angeht. Die Folge sind kranke, aggressive und verhaltensgestörte Hunde, die die gesamte Rasse in Verruf bringen und die häufig in Tierheimen landen. Das haben weder Ihre Hündin noch die Rasse verdient – oder?

Sollten Sie also im Besitz einer wunderschönen Hündin sein und immer noch mit dem Gedanken an die Zucht spielen, weil Sie all unsere Bedenken widerlegen können oder die Argumentation schlicht und einfach albern finden, tun Sie bitte der Rasse und Ihrer Hündin den Gefallen – sprechen Sie mit Personen, die Erfahrung mit der Zucht haben, holen Sie sich Ratschläge und beherzigen Sie sie.

Wenn man Ihnen aus dem ein oder anderen Grunde abrät, sollten Sie das wirklich beherzigen. Wenn es Ihnen die kleinen Eisbären so angetan haben: Fragen Sie doch einfach einmal bei einem Züchter nach, ob Sie ihm bei der Aufzucht ein wenig zur Hand gehen können.

Das ist kein 100 %iger Ersatz, macht aber mit Sicherheit auch Freude. Und den Traum vom eigenen Wurf brauchen Sie ja nicht aufzugeben. Vielleicht sind die Voraussetzungen eines Tages weitaus günstiger für Sie als heute – dann haben Sie ein ganzes Stück Erfahrung vorzuweisen, das Ihnen hilfreich sein wird.

© 1999 Gaby von Döllen, Worpswede

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