Kind und Hund

Verkaufsargumente, Konflikte, Regeln

Zu Anfang gleich grobe Klötzchen auf ein geradezu sträfliches Werbeversprechen: Da wird gesungen, daß diese und jene Rasse besonders „kinderlieb“ sei, noch lieber wird von „kinderlieben Welpen“ geschwärmt.

Hat man je von kinderhassenden Welpen gehört oder gelesen?

Wenn ausgerechnet eine Fachfrau in der Zeitschrift Das Tier eine Tabelle mit dem standardisierten Kriterium „Kinderliebe“ zu vorgestellten Hunderassen veröffentlicht (zum Beispiel in Ausgabe 6/98 über den Berger Picard mit nicht begründbaren 7 von 10 Punkten „bewertet“), dann verhöhnt sie die gläubige Leserschaft. Stempel dazu: Alles unter der Überschrift „Klartext“.

Jeder Erbforscher oder Ethologe weiß, daß solche Eigenschaften nie angeboren, sondern nur erlernbar sind. Selten so viel biologischen Schwachsinn gelesen. Und die Käufer fallen drauf rein.

 © mekcar - Fotolia.com
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Repariert werden solche unhaltbaren wie gefährlichen Werbesprüche dann in Hundeschulen unter der Rubrik „Problemhund“. Wenn es gut geht. Es trifft wieder mal den Falschen. Den ehrlichen, den unverstandenen Hund. Als ob andere Rassen (und Mischlinge?) nicht kinderfreundlich sein könnten, als ob Kinderliebe angeboren wäre, als ob nicht jedes junge Tier kinderlieb sein könnte.

Hunde sind kinderlieb, wenn die Kinder lieb zu Hunden sind.

Die Kinder sind nicht schuld, wenn sie von ihren Eltern und anderen Erziehern keine Achtung, keinen Respekt vor dem anderen Lebewesen gelehrt bekommen: wenn Eltern aus purer Erziehungs- und Beschäftigungsfaulheit meinen, ein Lebewesen sei ein Spielzeug wie ein Computer oder eine Puppe.

Leider werden Tiere auch in dieser materiellen Haltung gekauft – und oft genug auf den Müll (Tierheim) geworfen, wenn sie nicht als Spielzeug funktionieren. Von wem sollen denn die Kinder den respektvollen Umgang mit Tieren lernen, wenn nicht von ihren Vorbildern? Mit der zunehmenden Verrohung der Kinder fürchte ich auch um den Rest an Respekt vor Haustieren.

Das Ergebnis unkontrollierten Streichelzwangs „Auf ihn! Hier ist ein lebendiger Streichelzoo!“ mündet oft in Angst vor Hunden, weil die ja nach gefährlich-beschwichtigenden Ausreden der Halter „nichts tun“.

Auch der kleinste Hund ist kein Spielzeug oder Teddybär, das man bedenkenlos wie zwanghaft verknuddeln muß und nach Gebrauch in die Ecke stellt.

Solche notorischen Verhaltensweisen werden von eigennützig denkenden Eltern an ihre Kinder weitergeleitet, ungeachtet der Freiheiten des Grapsch-Subjektes.

© Sergey Nivens - Fotolia.com
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Der zweite Konflikt ist, zum Schutz der Hunde und der Kinder, ist die Rangordnung. Wenn das Ranggefüge, die Dominanzen innerhalb einer Familie (mehr noch: einer WG) nicht so deutlich geordnet ist, wie bei einem biologischen Gefüge unter Rudeltieren erforderlich, sind Schwierigkeiten programmiert.

Der letzte, der dann gebissen wird, ist der Hund. Daß wir Industriemenschen kein natürliches Verhältnis zur Natur haben, verrät das hausgemachte Subjekt, der Hund. Es gibt ganz eindeutig keine Problemhunde, sondern höchstens Hunde, die zum Problem gemacht werden.

Poliert wird dieser Glaube durch verdummende Fernseh-Serien oder Tierfilme mit lächerlich unbiologischen Inhalten.

Sonst glauben wir doch auch nicht alles! Ausgerechnet von Lebewesen verlangen wir automatisch programmierte Roboter.

Am liebsten vollausgebildete Welpen, die im Aussehen kindisch bleiben. Kinder sollten auch in die Grundschule. Womit ich nicht Welpen mit Menschenkindern vergleiche. Aber Verhalten und Lernprozesse, wenn sie denn ermöglicht werden, laufen ähnlich biologisch ab. Bis Erwachsene eingreifen.

Selbst die süßesten Welpen sind keine Menschen, sie werden leider dazu gemacht.

Da verrät sich die falsche Tierliebe: Frau kam auf den Hund, nimmt ihn aber nicht ernst. Der Hund bekommt alles Recht, sich ebenso zu gebärden und spielt die überlassene Rolle des entzückenden Terroristen gern. Es blieb ihm in seinem biologischen Verständnis auch gar nichts anderes übrig.

Erwachsene Hunde behandeln Kleinkinder (und nur solche!) als sichtbar krabbelnde komische Welpen auf zwei ungeschickten Beinchen und Händchen: fürsorglich, beschützend – und untergeordnet. Kleinkinder stehen im Rang eindeutig unter den erwachsenen, auch unterhalb von pubertären Hunden, denn ein achtmonatiger Hund eines mittelgroßen Typs entspricht schon etwa einem zehnjährigen Kind.

Ein erwachsener Hund wird sich mit „Händen und Füßen wehren“ (also mit seinem wehrhaften Gebiß), wenn er dominiert werden sollte von einem Wesen, das eindeutig unter seinem Rang steht. Durch körperliches Handicap sind da kleinwüchsige Hunde weit weniger tolerant als große Hunde, die sich in ihrer Souveränität von Krabbelkindern meist nicht angegriffen fühlen.

Werden die Kinder älter und dominanter (oft auch Mutproben gegenüber dem blöden, weil braven Hund), werden auch die Probleme der Rangordnung deutlicher.

Biologische Folge: die Rangordnung innerhalb des gemischten Rudels (aus Menschen und Tier) wird neu ausgefochten. Da jedoch keiner gern vom Thron gestoßen werden will, sollte man sich eben auf diese Eigenschaften der Rangordnungskämpfe einstellen, durch konsequente Einordnung nach der Übernahme des Hundes.

Das Kind ist nicht darauf vorbereitet, sich wie ein Welpe unterzuordnen, sich welpenhaft zu benehmen. Es muß also respektvollen Abstand zum Hund halten, ihn auch in Ruhe lassen, ihn vor allem nicht an Rute und Kopf mitsamt den Ohren maltraitieren. Kinder wollen doch auch nicht dauernd auf den Kopf gehauen werden.

Der erwachsene Hund, besser noch: die geschulte Hündin toleriert viel. Aber er setzt Grenzen. Die müssen den Eltern in ihrer Verantwortung aller klar sein, den Kindern klar gemacht werden.

In keinem Fall ist der Hund Ersatz für Aggression, die Kinder an Schwächeren abzuladen versuchen.

Kinder dürfen Hunde nicht maßregeln, erziehen (kommt von „ziehen“). Es zeugt von absoluter Verantwortungslosigkeit und Überforderung, wenn man Kinder mit einem Hund, der über 20 Kilo wiegt, allein spazieren gehen läßt.

© otisthewolf - Fotolia.com
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Da hilft keine Ausrede von der Sorte, daß der Hund ja so gutmütig sei und aufs Wort folge. Er folgt seinem Boss aufs Wort, vielleicht, und Kinder unter – sagen wir mal pauschal – zehn Jahren dürfen nicht Boss über den Hund spielen.

Sie können also auch nicht auf ihn einwirken, wenn der tatsächliche Boss fern vom Zweier-Rudel ist. Die Rangfolge ist außer Haus.

Was geschieht, wenn der Hund auf einen anderen stößt, der vielleicht nicht so gutmütig oder gut erzogen ist, der frei herumläuft; oder Katzen, die den Hund zum Verfolgen reizen:

  • ein plötzlicher Knall, der den Hund erschrickt?
  • Wenn es zu Hundekämpfen kommt: Was dann?
  • Das Kind bekommt es auf jeden Fall mit der Angst zu tun, ist überfordert.
  • Schließlich ist das Vertrauen zum Hund und vom Hund zum Kind dahin.
  • Dasselbe gilt auch für das Alleinlassen mit Kindern unter 10 (pauschal): niemals!

Die Rudelordnung ist ohne den Boss aufgelöst.

Alte Eifersüchteleien brechen eventuell auf, vom Kind wie vom Hund. Den schrecklichen Rest liest man allenthalben in den Zeitungen als Unfall.

Das heißt unweigerlich: kein Kind darf mit dem Hund allein sein! Wer gegen diese Verantwortung verstößt, kommt als tragischer Unfall in die Zeitung oder ins Fernsehen. Und der Hund wird abgeschoben, bestenfalls. Der grundsätzlich ehrliche Hund kann nicht Zeugnis abgeben. Er muß gehen, weil er seine Schuldigkeit vertan hat.

Tiere handeln aus biologischem Eigennutz, die Existenzsicherung bedeutet.

Menschliche Erziehungs-Alternativen wie die (mißverstandene) antiautoritäre „Erziehung“ stoßen bei nicht-menschlichen Lebewesen auf Unverständnis. Sie sind unbiologisch. Manchmal merken die Antiautoritären diese Machtübernahme gar nicht. Tiere sind auch in dieser Hinsicht logische Lehrmeister. Und schon deshalb lebensnotwendig für Kinder.

Als Bedrohung kann ein Hund das Federballspielen mit einem von oben herab geführten Schläger halten, einen heimlichen Steinwurf, das heimliche Hereinwerfen von Gegenständen in sein Revier (Garten), das aggressive Begegnen mit Fahrrädern, Inline-Skatern, etc., die aufgeblasene Körperhaltung (von oben herab bedrohen) eines fremden Kindes, weil es Angst hat, dies aber durch Imponierhaltung kompensiert, dem Hund etwas hinterherwerfen.

Eine Bedrohung beziehungsweise Herausforderung ist auch das Fixieren mit den Augen.

Für den erwachsenen Hund bedeutet dies: Bist Du mir unterlegen oder ich Dir? Der starre Augenkontakt ist unter Hunden eine Klärung der Machtverhältnisse. Es kann bei gleichrangigen Hunden zum Angriff führen. Ändern Kinder (aus Dominanz gegenüber einem vermeintlich unter ihnen rangierendem Hund, oder aus kollektiver Aggression) ihr vorher freundliches Verhalten zum Hund, wird sich sein Verhaltensmuster zum Negativen ändern.

© fdenb - Fotolia.com
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Denn er fühlt sich durch diese Aggression in seinem Rang herausgefordert. Und wenn es der niedrigste Rang war. Hunde kämpfen dann anders um ihre Position als Kinder, wie man weiß. Es liegt an den Eltern, ihren Kindern diese einfache Erklärung beizubringen.

Warum sind Hundehalter oft schockiert, wenn der Hund ihr Kind beißt?

Weil sie sich nicht in die Situation des Hundes versetzen wollen, bevor das Rudel erweitert wird. Meist wurde der Hund vorher zum Boß gemacht (als Kindersatz verhätschelt), und dann wird er plötzlich herabgestuft. Warum soll er das akzeptieren?

Er versucht, wenn die Oberbosse (Eltern) nicht da sind, den neuen Rudelgenossen unterzuordnen. Mit seinen Waffen. In einem Hunderudel wird kein Neuer, und sei er noch so klein, ohne Probleme in die bestehende Ordnung, aufgenommen. Er muß seinen Rang finden. Das geht meist nicht ohne Bisse ab.

Genauso geht es einem psychisch starken, also dominanten Hund, wenn das Rudel, mehrheitlich aus Menschen bestehend, um ein (Menschen-) Baby erweitert wird.

Natürlich kommen selbst bei Rüden Welpenschutzinstinkte auf. Aber insgeheim fühlt sich der vorher zum Vizechef gemachte Hund verunsichert, welchen Platz er in der neuen Situation einzunehmen hat. Je kleiner sein Rudel, um so größer die Gefahr für den Hund, daß er herabgestuft wird. Also versucht er, den neuen Genossen erst mal zurechtzuweisen. Auf seine hündische Art.

Ich rate daher einem Paar, das sich ein Kind wünscht, sich ja keinen dominanten Hundetyp auszusuchen, sondern einen, der sich schon in seinem Welpenrudel willig unterordnen ließ.

Eine grausam wahre Geschichte: Drei Rottweiler bissen ein Mädchen tot, das in das fremde Grundstück geklettert war. Polizei, Tierarzt und Halter waren der Meinung: die Hunde sind immer kinderlieb gewesen, niemals auffällig.

Das den Hunden fremde Kind sei eben in das Revier der Hunde eingedrungen und dabei auch noch hingefallen. Der Halter war ebenfalls geschockt – und ließ die drei Rottweiler einschläfern. Nicht nur die Eltern haben hier versagt. Der Züchter täuschte sich und andere mit Überforderung an der „Kinderliebe“ seiner Hunde.

Die Sorglosigkeit war tödlich. Niemals darf auch ein Kind zu freilaufenden Hunden, wenn sie nicht gerade zu den Kleinrassen zählen.

Folgende Regeln sind auch für Kinder gedacht:

  • Tierliebe ist, wenn Du ein Tier als Lebewesen respektierst.
  • Ein Hund ist kein Spiel-Zeug, aber man kann mit ihm spielen.
  • Ein Hund kann „lieb“ aussehen, es aber nicht sein. Besitzer wissen oft nicht über ihre Hunde Bescheid.
  • Vermeide alles, was ein Hund als Bedrohung (Futter oder Spielzeug wegnehmen, Augen anstarren) auffassen könnte.
  • Störe keinen Hund beim Fressen.
  • Entziehe ihm nicht etwas, was Du ihm vorher angeboten hast. Er meint, er kriegt es nicht mehr und schnappt zu.
  • Wenn Du mit einem Hund spielst, komme nicht seinen Zähnen zu nahe.
  • Versuche nie, raufende Hunde selbst zu trennen. Es geht ohne Deine Angst oft glimpflicher aus.
  • Egal, ob Du Angst hast oder nicht: Laufe niemals von einem Hund davon.
  • Er glaubt sonst, Du spielst „Beute“.
  • Wenn Du mit einem Hund spielst, achte darauf, daß sein Besitzer in der Nähe ist.
  • Deine Eltern dürfen Dich nie allein mit dem Hund lassen, auch nicht zum Spaziergang.
  • Nur als Jugendlicher, ungefähr ab 13, darfst Du einen Hund miterziehen, nicht als Kind.
  • Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz.