Ich darf so sein, wie ich bin

„Schwer lastet auf mir meine MS-Krankheit, meine gewordene Unbeweglichkeit, meine Depression. Zu nichts habe ich wirklich Lust und Schwung. Seit mein Mann tot ist, habe ich noch weniger Energie und Lebensfreude.

Selbst mit der Arztassistentin muss ich immer kämpfen um das zu bekommen, was ich gerne hätte. Das Leben ist soo schwer geworden.“

Jutta Menkel fragt nach einem Behindertenbegleithund und erhält ihn auch. Esra von der Stellerburg bringt die traurige MS-Kranke wieder etwas aus dem tiefen Loch heraus. Der Vierbeiner legt sich von sich aus auf die Füße der Patientin und schmust mit ihr. Die Freude kriecht hoch und um die Mundwinkel kann ich, Barbara Puhl, sehen, wie sich kleine Lachfältchen bei Frau Menkel bilden. „Ist das schön!“ jauchzt die ehemalige Gymnastiklehrerin. Auch wenn es ihr schwer fällt, aber sie bückt sich im Sitzen zur Hündin Esra runter und streichelt sie. Das mag Esra sehr. Da kann sie sich stundenlang für hergeben.

Esra akzeptiert die schwer behinderte Frau voll und ganz. Ohne Wenn und Aber darf Frau Menkel gegenüber der Hündin mit ihrer Gebehinderung und Depression so sein, wie sie ist. Esra ist es egal, ob sie ein Frauchen hat, welche eine einwandfreie glatte Haut hat und bestens geschminkt ist, oder ob das Gesicht viele Falten und Runzeln besitzt. Selbst das Flüstern der Patientin versteht die Hündin und gehorcht.

Zu Hause bereitet Frau Menkel alles auf den Einzug dieses tollen Hundes vor: die Nachbarn werden informiert, die Behörden werden gefragt und ein großer Zaun wird gezogen. Über den Teich wird für den Winter ein Stahlsicherheitsnetz gespannt und der Tierarzt informiert.

Als alles vorbereitet ist, kommt sie um Esra abzuholen. Da fällt ihr auf einmal ein, dass sie auch noch zusätzlich einen Welpen nehmen könnte, damit sie gleich einen Nachfolger für Esra heranbilden kann. Gedacht, gesagt und getan. „Illja von der Stellerburg“ ist Esras Sohn und der soll nun mit. Wie gut, dass Frau Menkel eine sehr gute, liebe Helferin hat, die ihr bei der Ausbildung helfen wird.

Beim zweiten Besuch von Frau Menkel merke ich sehr deutlich, dass es dieser Patientin wesentlich besser geht – psychisch und auch körperlich. Von Tag zu Tag strahlt sie mehr und mehr. Diese Frau ist einfach nur glücklich, nachdem sie alle Besorgungen für den Welpen auch noch erledigt hat. Ilja liebt Frau Menkel und fängt auch mit ihr an zu spielen. Frau Menkels Wunsch ist es, dass Esra einen Spielgefährten hat und Ilja sich von der Hundemama gutes Benehmen usw. abschaut.

Wie gut, dass zu Hause alles bestens vorbereitet ist.

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Zu Hause mit Esra und Ilja, der inzwischen 8,5 Wochen alt ist, angekommen, wird erst einmal das Grundstück und die Wohnung erkundet. Die Vierbeiner sind glücklich, toben miteinander und schlafen auch zusammen. „Ich könnte den ganzen Tag nur zuschauen, wie die beiden miteinander spielen und toben. Ob das nun draußen ist oder im Haus.

Die Esra lässt sich viel zu viel von ihrem Sohn gefallen, so dass ich manchmal meine, eingreifen zu müssen. Sie zeigt ihm, was Reinlichkeit ist, was Mein und Dein ist, wenn Mittag ist und geschlafen wird, Toleranz und Akzeptanz werden geübt und wie man manierlich frisst. „Sitz“ kann er schon recht gut. Wenn ich was sage, macht meist Esra das, was eigentlich der Welpe tun sollte.

Da der Nachahmtrieb so groß ist, macht dann Ilja dies auch. Tolle Hunde! Ich bin die glücklichste Hundemama der Welt! Das ist Fernsehen in der Realität. So komme ich gar nicht mehr dazu, aber dass ich den Hunden zuschauen kann ist ja viel interessanter, als in den Flimmerkasten zu sehen.

Wenn ich etwas erzähle, schaut Esra mich immer so aufmerksam an, als wenn sie es Wort für Wort versteht. Endlich wieder einen Gesprächspartner zu haben tut so gut. Mein Alltag ist wieder sinnvoll und erfüllt von schöner Arbeit. Auch wenn alle möglichen Leute meinen, dass zwei Hunde für mich zuviel sind. Nein, ist es nicht, denn ich habe alles bestens geregelt. Wir sind alle miteinander froh und glücklich.

Ich fahre sogar mit Esra, die dann eine Kenndecke trägt, viele Kilometer mit dem E-Scooter. Sie läuft nebenher und hat daher genug Auslauf. Oft werde ich von Menschen angequatscht und dann halten wir ein kleines Pläuschen. Menschlichen Kontakt habe ich durch die Hunde recht viel. Der Ilja darf ja noch nicht so viel laufen, aber dafür macht meine Helferin mit ihm die entsprechenden Übungen, damit wir irgendwann auch so laufen können.

Für meine Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und sonstige Therapeuten ist das immer eine willkommene Abwechslung, wenn die zu mir ins Haus kommen. Die ermutigen mich immer wieder und bekunden, wie gut es mir doch durch die Hunde geht.

Den Hunden bin ich immer willkommen, im Gegensatz zu so manchem Menschen. Die Vierbeiner geben mir nie eine Widerrede oder streiten mit mir. Bei denen darf ich sein, wie ich nun mal bin, mit meinen Ecken und Kanten, aber auch mit meinen liebenswerten Seiten.

Danke ihr lieben Hunde, dass es Euch gibt!
Danke ihr lieben Hunde, dass es Euch gibt!

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