Hunde die bellen, beißen nicht

Sonntagskirche in WDR 4
Sendedatum: Sonntag, 16.06.2013
Autor: Pastor Siegfried Ochs, Krefeld
Titel: Hunde die bellen, beißen nicht

Normalerweise habe ich einen gesegneten Schlaf. Das ist ein Riesengeschenk. Schließlich kenne ich genug Menschen, denen es da ganz anders geht und die stundenlang nachts wach liegen. Doch manchmal werde auch ich mitten in der Nacht wach und kann einfach nicht mehr einschlafen.

Ich stehe dann auf und gehe in die Küche, um etwas zu trinken und noch einmal auf der Terrasse frische Luft zu tanken. Meistens lasse ich bei dieser Gelegenheit den Hund raus, damit die Zeit bis zum Morgen für ihn nicht zu lang wird.

Als ich ihn kürzlich nachts um halb vier nach draußen ließ, fing er an, den Baum anzubellen. Da unsere Nachbarn dies um diese Uhrzeit nicht wirklich schätzen, versuchte ich ihn zu beruhigen. Irgendetwas schien ihm Angst zu machen. Er wollte partout nicht alleine auf die Wiese gehen und hielt sich krampfhaft in meiner Nähe auf.

Ich fliege
Ich fliege

Erst als ich ihn auf die Wiese begleitete, beruhigte er sich und die Welt war für ihn wieder in Ordnung. Hunde die bellen, beißen nicht, sagt man. Stimmt, kann ich da nur sagen. Itthai – unser Golden Retriever – hat nur aus Angst gebellt, weil ihn irgendetwas völlig verunsicherte. So bellte er anfangs auch den Staubsauger an und selbst der Rasenmäher wurde lautstark angeknurrt.

Von Hause aus bin ich eher ein schüchterner Mensch. Das hat viel mit meiner Erziehung zu tun und mit der Tatsache, dass mein Vater mir nichts zutraute und damit die Angst in mir schürte. Neue Situationen und fremde Menschen verunsicherten mich – als Jugendlichen und auch noch später als Erwachsenen. Sobald mich jemand „anbellte“, ob zu Recht oder Unrecht, zog ich den Schwanz ein und gab kleinlaut Fersengeld.

Auch als junger Pastor bereitete mir so manches Mal der Ton meines Gesprächspartners große Mühe. Das „Bellen“ meines Gegenübers machte mir Angst und ich wusste nicht, was ich dem entgegensetzen konnte.

So kann man natürlich weder in meinem Beruf noch in irgendeinem anderen Beruf bestehen. Und da stand ich nun, nachts um halb vier im Garten, neben mir der verschüchterte Hund, und mir ging die Bedeutung dieses Sprichwortes auf. Ich realisierte, dass das „Bellen“ meines Gegenübers nur die eigene Unsicherheit überspielen sollte.

Nach wie vor bin ich in manchen Gesprächen über den harten Ton irritiert. Doch heute lasse ich mich davon nicht mehr so leicht verunsichern.

Schließlich weiß ich jetzt: Hunde die bellen, beißen nicht.

Ich will ehrlich sein: So manches Mal bin ich auch derjenige, der laut „herumbellt“. Manchmal auch aus Unsicherheit. Sie müssen nur einmal meine Frau fragen. Dann aber fällt mir Itthai ein. Er gewinnt nicht durch sein Bellen, das oft Unsicherheit überspielt.

Er gewinnt – vor allem durch seine Freundlichkeit und sein Zutrauen. Itthai bleibt in seiner Unsicherheit nicht allein, sondern wendet sich vertrauensvoll an mich. Er vertraut mir, wenn wir gemeinsam eine unwegsame, dunkle Wiese betreten.

Da riecht es gut
Da riecht es gut

So könnte es doch auch in der nächsten gemeinsamen Auseinandersetzung gehen. Sich gegenseitig Unsicherheiten zeigen und gemeinsam vertrauensvoll nach guten Lösungen suchen.

Ich will daran denken und auch das alte Pauluswort beherzigen: „Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“ (Kolosser 4, Vers 6 nach Luther)

Einen Sonntag mit konstruktiven Gesprächen wünscht Ihnen Ihr Pastor Siegfried Ochs aus Krefeld.

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