Brisant – wie viel Strafe ist gerechtfertigt?

Die Frage die sich sofort und meist in den ersten Minuten nach Einzug des neuen und ungeformten Rudelmitglieds stellt: „Wie gehe ich mit unerwünschtem Verhalten um?“

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Einfache Hundeerziehung: Schritt für Schritt erklärt - Grunderziehung und Verhalten ändern
  • Team: Hundeerziehung mit Erfolg
  • Herausgeber: Brainhamster Verlag
  • Auflage Nr. 1 (11.06.2012)
  • Taschenbuch: 240 Seiten

Letzte Aktualisierung am 16.12.2018


Damit Strafe nicht als solche empfunden wird und um größtmöglichen Nutzen daraus zu ziehen, also so schnell wie möglich zu unserem Ziel- erwünschtes Verhalten- zu gelangen habe ich ihnen einen Regelkatalog aus meiner Praxis als Züchter, Hundetrainer und Therapeut zusammengestellt. So wird Strafe nicht als solche gesehen sondern als Lernstrafe.

Um als Mensch in der Lage zu sein einen Welpen erziehen zu können ist es ratsam Vergleiche mit Hunderudeln anzustellen. Doch muss ich gleich vorneweg anmerken, auch hier gibt es Unterschiede und Hundeeltern sind nicht gleich Hundeeltern.

Individuelle Charakterzüge beeinflussen auch hier das Geschehen untereinander und beeinflussen in ihrer gegenseitigen Wirkung sehr subtil das Rudelgeschehen.

© Peter Atkins - Fotolia.com
© Peter Atkins – Fotolia.com

Bei Hundeeltern gibt es genauso die liebevolle Mutter die sich aufopfernd um ihre Welpen kümmert, die Hysterische, die Ungeduldige, die Desinteressierte und bei den anderen Rudelmitgliedern stellt sich dies nicht anders dar.

Wer wie erfolgreich in seinem Erziehungsbemühen ist lässt sich schwer einschätzen, denn selten kennen wir die Ziele und Intentionen unter denen die einzelnen Rudelmitglieder mit den Welpen umgehen.

Ein paar Regeln jedoch sind allen Rudeln auf der ganzen Welt zueigen. Ich vergleiche das Abbrechen eines unerwünschten Verhaltens oder Handlung der Einfachheit halber mal mit einem Trainingskampf. Sie sind der Kampfkunsttrainer und ihr Welpe oder Junghund ist ein ihnen anvertrauter Halbstarker.

Niemals würde ein Kampfkunstlehrer seinen kindlichen oder jugendlichen Schüler in einem Trainingskampf verletzen. Deswegen gibt es den sog. Leicht- oder Semikontakt und feste Regeln welche eine Sicherheit für den Unterlegenen darstellen.

Wenn sie sich an diese sieben goldenen Regeln zum Umgang mit Strafe halten, werden sie und ihr Welpe als strahlende Sieger aus den ersten Kämpfen hervorgehen.

Regel Nummer eins: Leichtkontakt

Wenn ein Welpe beim Übertreten einer Grenze erwischt wird, gibt es weder Halbherzigkeiten noch Ungerechtigkeiten. Die „Strafe“ erfolgt wenn überhaupt immer sofort und unmittelbar und immer ohne Verletzungen.

Das heißt wie bei einem Leichtkontaktkampf kann der Gegner zwar berührt werden – doch nie verletzt. Lediglich wird demonstriert was passieren könnte.

Natürlich stimmt die Mimik und Körpersprache mit der Aktion überein. Es wird quasi ernst „gespielt“ doch nie gemacht. Warum denn auch? Solche ein Welpe ist keine Gefahr für das Rudelgefüge und auch für keinen erwachsenen Hund.

Praktisch übertragen bedeutet dies. Der Welpe beißt ihnen ständig in die Socken, doch die befinden sich noch an ihren Füssen was äußerst unangenehm sein kann.

© Jo Graetz - Fotolia.com
© Jo Graetz – Fotolia.com

Um dem Welpen klarzumachen dass sie das nicht wünschen können sie ihn nun „anonym“ bestrafen ( Wasserspritzpistole, Klapperdose etc) oder sie können die Chance nutzen ihm etwas beizubringen. Sie warnen vor, z.B. mit einem geknurrten „AUS“, reagiert der Flegel darauf nicht, schießen sie mit ihrer Hand blitzartig nach unten zum sog. Schnauzengriff. Das muss schnell und beeindruckend passieren.

Dadurch dass dem Welpen schlussendlich ja nicht wirklich was passiert ist, lernt er Vertrauen in seinen „Trainer“ und zeigt ihm unsere Achtung vor ihm als Lebewesen und soziales Rudelmitglied.

Regel Nummer zwei: Wenn das Handtuch geworfen wird ist der Kampf vorbei

Jeder Hund bringt seine eigenen Charaktereigenschaften mit. Einerseits diejenigen die ihm von Natur aus mitgegeben sind und andererseits diejenigen die er durch Erfahrung ausgebildet oder verändert hat.

Das Sensibelchen, der Draufgänger, der Wehleidige, der Aufmerksamkeitsfordernde….. diesen Charakterunterschieden ist die Lernstrafe anzupassen. Einzig und allein ist es die hohe Kunst der Hundeerziehung den Charakter des Einzelnen zu erkennen, damit wir unser Verhalten anpassen können.

Dazu gehört, die oft bezeichneten Beschwichtigungssignale zu kennen. Sowie wir niemals unseren Halbstarken im Trainingskampf weiterschlagen würden wenn er Unsicherheit zeigt, genauso beachten wir auch die Beschwichtigungsgesten eines Hundes wenn wir ihn schimpfen oder auf ihn einwirken. Im praktischen Beispiel ist es so dass ich dem Welpen immer die Chance gebe auf mich zu reagieren.

Am Schuh nagendem Welpen würde das bedeuten: Erwischt- Nein!- Reaktion abwarten- kommt keine Reaktion nächster Schritt- solange bis die Lektion verstanden wurde. Ruhig und konsequent durchgesetzt ist Souverän und bringt Pluspunkte auf der Rudelführerskala.

Regel Nummer drei: Wer seine Gefühle nicht im Griff hat, muss in die Ecke

Wenn sie während einer Rüge die Beherrschung verlieren und übers Ziel hinausschießen, also die Aktionen ihres Hundes persönlich nehmen und in Wut geraten, sollten sie einen Aufenthalt in der neutralen Ecke erwägen und gründlich ihr Traineramt überdenken.

Das hat nichts mehr mit Fair- Play zu tun sondern entspringt dem eigenen Frust oder Unsicherheit, wofür ihr Welpe wiederum nichts kann und wird ihnen mindestens einen Punkt Abzug in der Vertrauensskala als souveräner Rudelführer einbringen.

Wutentbrannte Sätze wie “ was habe ich dir nicht immer gesagt!“ wirken einfach nur lächerlich und haben in der Hundeerziehung nichts zu suchen.

Regel Nummer vier: Inkonsequenz wird umgehend bestraft

Ein Welpe oder Junghund sucht seine Grenzen und soll diese auch erfahren, ja muss sie nachgeradezu erfahren um zu einem wertvollen Rudelmitglied heranzureifen. Auf seiner Entdeckungsreise „Leben im Menschenrudel“ wird ausprobiert und getestet.

Eine Regel ist und bleibt eine Regel – immer. Wenn sie Spielregeln nach ihrer Laune gestalten, soll heißen, heute bin ich gut drauf – da darf das Hundle schon mal aufs Sofa, bekommen sie wieder einen Punkt Abzug in der Rudelführerskala.

© Michael Pettigrew - Fotolia.com
© Michael Pettigrew – Fotolia.com

Denn Regeln sind dazu da um einen Rahmen zu bilden, an dem sich insbesondere die jüngeren Rudelmitglieder orientieren und wachsen können. Schafft es der Hund eine Regel zu umgehen, wird er lernen alles was in diesem Moment greifbar ist damit in Verbindung zu setzen, um das nächste mal wieder an begehrtes zu gelangen.

Sein Verhalten und auch Ihres, sowie äußere Gegebenheiten – in dem Augenblick als er seinen Kopf durchsetzte – also Körpersprache, Lautäußerungen werden abgespeichert, um beim nächsten mal wieder eingesetzt zu werden wenn es darum geht zu einem Ziel zu gelangen.

Also seien sie so fair zu ihrem Hund – konsequent zu sein, um ihn nicht in einer Atmosphäre von Unsicherheit aufwachsen zu lassen. Hilfreich ist es wenn sie einen Regelkatalog über den Umgang mit dem Hund zusammen mit allen Familienmitgliedern erarbeiten.

Insbesondere Kinder haben daran Spaß und wenn sich jemand nicht daran hält (füttern am Tisch etc) hat der Regelbrecher die zuvor besprochenen Konsequenzen zu tragen.

Regel Nummer fünf: Das Ausbleiben einer Lernstrafe wirkt selbstbelohnend

Im Rudelgeschehen ist es so, dass es Grenzen und Rituale gibt die eingehalten werden müssen. Unter Hunden herrscht die Regel, was funktioniert ist richtig – also lernen durch Erfahrung. Wenn etwas weh tut oder unangenehm ist wird man beim nächsten mal vorsichtiger oder lässt es ganz. Führt ein bestimmtes Verhalten zum Erfolg ist es wahrscheinlich dass es wiederholt wird.

Übertragen in unseren Haushalt bedeutet dies, dass es für einen Hund kein Problem darstellt wenn ein Schuh angenagt wird- im Gegenteil- aber durchaus für uns. Lassen wir ihn gewähren lernt der Welpe: „Niemand sagt etwas, also ist es okay und Spaß macht’s obendrein“ – also akute Wiederholungsgefahr durch unsere Unaufmerksamkeit.

© Christian Müller - Fotolia.com
© Christian Müller – Fotolia.com

Wenn wir schon Regeln aufstellen, sind wir auch dafür verantwortlich dies nach oben genannten Gesichtspunkten konsequent durchzusetzen.

Wir können dem Hund den Lernprozess selber überlassen (z.B. Schuh präparieren) oder die Chance nutzen und dem Hundle noch zusätzlich eine Lektion in Rangordnung zu erteilen (Mein Spielzeug wird nicht angefasst).

Regel Nummer sechs: Nur Strafe ist unsportlich

Würden wir im Trainingskampf mit unserem Halbstarken, ihm ständig unsere Überlegenheit demonstrieren dann wäre dessen Selbstbewusstsein sicherlich schnell am Tiefpunkt. Hat er einen Treffer kassiert dann sollten wir ihm schon auch zeigen wie er es richtig machen kann um selbigen zu vermeiden.

Ansonsten würden wir Vertrauen zerstören und vom Trainer zum Gegner mutieren der naturgemäß jede Schwäche ausnutzt. Denn hat ihr Hund gerade mal noch verstanden dass sie ein Verhalten nicht wünschen, so sollten sie ihm schon eine angenehme Alternative bieten um überhaupt einen Lernprozess in Gang zu setzen.

© Eric Isselée - Fotolia
© Eric Isselée – Fotolia

Kläfft ihr Hund z.B. andere Hunde an der Leine an so ist das erstmal sein gutes Recht und da es ja meist funktioniert, denn der Eindringling verschwindet ja auch, hat er sich selbst belohnt.

Ihn dafür zu bestrafen wäre fatal und überhaupt nicht zu verstehen. Also sie brechen dieses für uns unerwünschte Verhalten mit geeigneten Mitteln ab und zeigen ihm dann welches Verhalten wir von ihm wünschen das ihm übrigen noch wesentlich attraktiver gestaltet wird als vorhergehendes.

So steigen die Chancen um ein vielfaches dass bei der nächsten Hundebegegnung, die für uns angenehme und für den Hund angenehm gestaltete, Taktik gewählt wird.