Woran erkennt man einen guten Hundezüchter?

Woran erkennt man einen guten Hundezüchter, unter Berücksichtigung der Frühprägungs- und Sozialisationsphasen des Hundes?

Das Leben eines Hundes ist in verschiedene Entwicklungsphasen gegliedert. Man kennt sie unter dem Begriff „Prägungsphasen“. Während dieser Phasen ist ein Hundewelpe und Junghund in der Lage, bestimmte Reize aus seiner unmittelbaren Umgebung aufzunehmen und zu verarbeiten, er lernt an seiner Umwelt.

Man unterscheidet dabei zwischen Frühprägungsphasen und prägungsähnlichen Entwicklungsphasen. Bei den Frühprägungsphasen werden die Weichen für die spätere Lernentwicklung gelegt.

Da es sich bei allen Erlebnissen in den Frühprägungsphasen um so genannte „Ersterlebnisse“ handelt, kann sich jeder vorstellen, warum man von Prägungsphasen spricht. Diese Ersterlebnisse sind nämlich „prägend“ für das weitere Leben.

Deshalb ist es von großer Bedeutung, wie ein Welpe aufwachsen darf, wieviel Menschenkontakt er in den ersten Wochen vor der Abgabe hatte.

Besonders in der Zeit nach der Geburt durchläuft ein Welpe eine äußerst sensible Phase. Denn! Die Kenntnis des Artgenossen ist nicht angeboren, sie muss erlernt werden. Erhält ein Welpe in dieser Zeit zu wenig oder falsche Prägung auf den Menschen und seinen Artgenossen, bleibt er ein Leben lang scheu und unsicher.

© David Büttner - Fotolia.com
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Durch Fehlhaltung, Isolation von Umweltreizen, falsche Behandlung durch den Menschen können schwere Verhaltensstörungen entstehen, die später, wenn überhaupt, nur durch langjährige Umkonditionierung korrigierbar sind.

Deswegen ist es unabdingbar, dass Züchter nicht nur über ein Grundwissen in Vererbungslehre verfügen, sondern auch über die Entwicklungsphasen eines Hundewelpen.

Gerade in der heutigen Zeit ist es verantwortungslos, einfach nur Welpen in die Welt zu setzen und sie ihrem Schicksal, sprich ihren Käufern zu überlassen. Was beim Züchter versäumt wurde, kann nach der Abgabe selbst durch liebevollste Zuwendung nicht mehr ersetzt werden. Hier sind bleibende Schäden fast zwangsweise die Folge.

Angst kann viele Gesichter haben. Sie ist aber nicht angeboren, sondern durch schlechte oder fehlende Prägung entstanden.

Hier eine Definition aus einem Lehrbuch:

Ängstlichkeit ist ein andauernder diffuser Zustand von Angst vor wechselnden und vielfach minimalen Reizen in der Umwelt. Er ist verbunden mit Vorahnung und folglich übersteigerter Wachsamkeit gegenüber kleinsten Veränderungen in der alltäglichen Umgebung, und oftmals mit körperlichen Symptomen wie Erbrechen, Durchfall, Speicheln, etc.verknüpft.

Je nach Stadium reagieren Hunde sehr leicht reizbar und aggressiv, quasi in einer ständigen Verteidigungshaltung gegenüber einer als feindlich angesehenen Umwelt, oder sie werden in ihren Verhaltensweisen immer stärker gehemmt und suchen Entlastung in Ersatzhandlungen wie dauerndes Bellen, Fressen, Pfoten lecken oder übersteigerter Bindung an ihre Bezugsperson.

Neben einem gewissen genetischen Einfluss liegen also die wichtigsten Ursachen in den sensiblen Entwicklungsphasen des Hundes.

Was kaum einem Züchter bekannt ist und noch weniger dem Käufer eines Hundes:

Bereits während der Trächtigkeit beeinflussen Berührungsreize wie Streicheln durch die Bauchdecke der Hündin die Gehirnentwicklung des Welpen. Nach der Geburt erwachen die Sinne des Welpen nach und nach: Tastsinn, Wärme- Geschmacks- und Geruchssinn sofort, Sehen und Hören etwas später.

Das erbliche Programm der Gehirnentwicklung wird in dieser Sozialisation genannten Entwicklungsphase bis zur 12. Woche maßgeblich und entscheidend durch die Umgebung beeinflusst. Ein Welpe, der in einer reizarmen und eintönigen Umwelt aufwächst, hat ein bleibendes strukturelles Defizit im Gehirn für sein ganzes weiteres Leben !

Vereinfacht ausgedrückt: Ein Welpe mit einem solcherart unterentwickelten Gehirn hat eine mangelhafte Software. Das alltägliche Hundeleben in der menschlichen Gesellschaft erfordert jedoch eine hervorragende Ausstattung (mit 16 MB Arbeitsspeicher kann man keine Spiele, die 64 MB erfordern, spielen), das System ist mit dieser geringen Anpassungskapazität schlicht und einfach überfordert.

Eine zweite äußerst sensible Entwicklungsphase des Hundes ist die Pubertät, bei den PON im Alter von 10 -15 Monaten. In diesem Alter finden neben körperlichen auch psychische Ausreifungsvorgänge statt. Selbst aufgeschlossene und freundliche Hunde werden auf einmal sensibel und reagieren sehr empfindlich auf Neues, seien es Menschen, Objekte oder Situationen. Kleinste unangenehme Erfahrungen haben starken Einfluss auf das Weltbild des Hundes.

Hier muss ein Hund auf sein „Rüstzeug“ aus der Kinderstube zurückgreifen können und nur wer es auch zur Verfügung hat, wird ein stabiler, selbstbewusster Hund im Erwachsenenalter.

Angststörungen, deren Ursache in schlechter Sozialisierung zu finden ist, nehmen nämlich im höheren Alter des Hundes zu und nicht ab. Im gleichen Masse wie die geistige Flexibilität und die Sinnesleistungen des Hundes abnehmen, werden sie durch emotionale Reaktionen – zum Beispiel durch Flucht oder Verteidigung – ersetzt.

Wenn ein Hund die Umweltreize in seinem Weltbild nicht mehr richtig einordnen kann, wird er unsicher und zeigt Verhaltensstörungen.

Reizarme Aufzucht hat also prägende Auswirkungen, wenn sich der Hund in seinem weiteren Leben in einer komplexen und anregenden Umwelt befindet.

Defizite zeigen sich auch dadurch, dass ein unsicherer, ängstlicher Hund sich in der Folge übermäßig an seine Bezugspersonen bindet. Aus der Anwesenheit und dem Körperkontakt mit seinem Menschen bezieht er seine Stabilität und soziale Sicherheit.

Als Besitzer sind Sie die Lösung all seiner Probleme … ja, solange bis Sie ohne ihn weggehen. Dann stürzt die Welt für den Hund zusammen, er hat auf einmal seine ganze Stabilität verloren.

Dieser Leidensdruck und die Beeinträchtigung der Lebensqualität für Hund wie Besitzer sowie die potentielle Gefahr für die Gesellschaft durch unkontrollierbares Verhalten dieser Hunde sollten genug Gründe sein, Hunde nur mit qualifizierter Sachkenntnis der Prägungsphasen zu züchten.

Deshalb ist das oberste Gebot anpassungsfähige und psychisch stabile Hunde zu züchten und die Welpen schon in der Kinderstube mit vielen Reizen zu konfrontieren.

Einen qualifizierten Züchter erkennt man:

  • wenn er seine Hunde als Familienhunde im Haus, mit allen dazugehörigen Aktivitäten hält
  • die Welpen ebenfalls im Haus aufwachsen dürfen
  • wenn er genügend Zeit, Engagement und Gelassenheit für die Prägung der Welpen aufbringen kann
  •  während der Aufzuchtswochen vielfältige Reize geboten werden: Freilauf im Garten, Platz zum spielen und buddeln, Sinneseindrücke durch Gerüche im Freien und im Haushalt, erkunden verschiedener Bodenstrukturen, Besucher, fremde Hunde, Autofahrten, Spaziergänge, Wasserkontakt
  • und das alles in entspannter Atmosphäre im Beisein der älteren Hunde und der vertrauten Familienmitglieder.

Diesen Züchtern kann man sein Vertrauen schenken und man ist ein gern gesehener Gast.

Aus dem einfachen Grund, weil ihnen ihre Hunde am Herzen liegen und sie sich wünschen, dass sie nach der Abgabe ein erfülltes Hundeleben vor sich haben.