Geprägt fürs Leben

Geprägt fürs Leben
Serie: Konrad Lorenz, Begründer der Ethologie (Verhaltenslehre)

Lehrsatz: Prägung ist ein Lernphänomen, bei dem Tiere während einer kurzen, genetisch determinierten Zeitspanne praktisch irreversibel auf die Objekte ihrer sozialen Beziehungen festgelegt werden.

Häufig wird das Lebenswerk eines Wissenschaftlers auf ein Schlagwort reduziert. Und „Lorenz“, das ist der mit den Gänsen, die ihm überall hin nachgelaufen und nachgeschwommen sind.

Wer mehr über ihn weiß, hat dabei auch den weißmähnigen Ethologen mit seiner Wolljacke vor Augen, wie er eine Reihe kleiner Watschler anführt, die den Eindruck erwecken, als würden sie ihm bis ans Ende der Welt folgen.

Warum aber zeigen diese Tiere eine so ungewöhnliche Anhänglichkeit an den Menschen? Schlicht erklärt, wurden sie auf Lorenz „geprägt“ und betrachteten ihn deshalb gewissermaßen als Mutter, später als Partner.

Lorenz, der dafür den Begriff „Prägung“ eingeführt hat, beschrieb das Phänomen selbst so:
Prägung kann nur während einer kritischen Periode stattfinden, die nur ein einziges Mal im Leben eines Individuums vorkommt.

© Christian Musat - Fotolia.com
© Christian Musat – Fotolia.com

Diese Phase entspricht einem spezifischen physiologischen Zustand. Ist sie vorüber, dann erkennt das Tier das Objekt seiner durch Prägung erworbenen sozialen Beziehung so genau, als ob dieses Wissen angeboren wäre.

Ist es aber nicht! Ende der fünfziger Jahre forschten Lorenz und sein Mitarbeiter an Enten, Dohlen und Graugänsen und deren Nachkommen.

Sie nahmen den Elterntieren ihr Gelege weg und brüteten die Eier mit künstlicher Hilfe aus. Sie wollten das kritische Zeitfenster des Prägungsprozesses mit einem streng kontrollierten Experiment untersuchen.

Mit Hilfe einiger beweglicher und mit einem Tonbandgerät (mit vorher aufgezeichneten Geräuschen) ausgestatteten „Mutterattrappen“ fanden sie heraus, dass Entchen und bestimmte andere Küken maximal dreißig bis sechzig Stunden nach der Geburt für den Prägungsvorgang empfänglich sind.

Innerhalb dieser determinierten Zeitspanne, so Lorenz, genüge es, für nur zehn Minuten dem Tier eine Attrappe oder ein artfremdes Lebewesen vorzusetzen, danach ist die Bindung und Erkennung irreversibel, also unwiderruflich festgelegt.

Wenn zum Beispiel eine Graugans aus dem Ei schlüpft, dann wird das Erste, was das Küken in Bewegung sieht, sei es nun ein Mensch oder ein bewegliches Objekt, als Mutter angenommen. Dieser „Mutter“, egal wie sehr sie im Erscheinungsbild von dem natürlichen Vorbild abweicht, folgt der Vogel überall hin.

Mehr noch, das Kleine zieht das Objekt den echten Artgenossen vor, weigert sich, diese als solche anzuerkennen und deren Gesellschaft zu akzeptieren. Handaufgezogene Enten und Dohlen betrachteten Lorenz zunächst als „Elternkumpan“ und später auch als Geschlechtsgenossen an. Gänse hingegen richteten ihr späteres geschlechtliches Verhalten auf Artgenossen.

Lorenz`wissenschaftliche Arbeit über die Prägung, ist auch vom Nobelpreiskomitee als einer seiner herausragendsten Beiträge zur Ethologie bewertet worden.

Er erhielt 1973 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Obwohl er inzwischen in Medizin und Zoologie promiert hatte, erhielt er den Preis als Instinktforscher für die Beschreibung eines Lernvorgangs. Allerdings handelt es sich dabei um ein ganz besonderes Lernen: Ein schnelles, ohne Vergessen, zudem auf eine kurze sensitive Phase beschränkt.

Eines der wichtigsten Kennzeichen der Prägung ist ihre Unwiderruflichkeit oder wie Lorenz 1988 schrieb: „doch die außerordentliche Schwierigkeit, das Erworbene rückgängig zu machen. Als habe man es mit einem Nervenkanal zu tun, der nur für kurze Zeit Impulse weiterleite und dann für immer schließe“.

Seine Dohlen und Gänse konnten nicht anders, als ein Leben lang in sozialer Abhängigkeit und Anhänglichkeit zum Menschen zu bleiben, wie auf den weltbekannten Fotos des Wissenschaftlers zu sehen ist.

Doch wozu dient Prägung, wenn man sie unter dem Aspekt der Arterhaltung betrachtet?

Wenn also nestflüchtende Küken gleich nach der Schlüpfen eine feste Mutterbindung eingehen, ist das gewiss von Vorteil. Die Gefahr einer Fehlprägung, immerhin der Grund warum Lorenz dieses Phänomen überhaupt entdecken konnte, ist unter natürlichen Umständen sehr gering.

© majtas - Fotolia.com
© majtas – Fotolia.com

Denn anders als beim künstlichen Ausbrüten wird es in der Regel die brütende Mutter sein, die mit dem Küken als erstes Lebewesen Kontakt aufnimmt. Dieser schnelle Lernvorgang ist also für das Küken überlebenswichtig, folgt es doch sofort seiner Mutter, die ihm sein weiteres Leben sichert.

Aber Experimente zeigten: Ein Küken lässt sich auch auf einen Fußball prägen, es folgt ihm dann auf Schritt und Tritt und mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife umwirbt es ihn sogar als Sexualpartner. Eine klassische sexuelle Fehlprägung ist erfolgt.

Ein Aspekt der prägungsbedingten Objektfixierung mit seinen sexuellen Spielarten entsteht also bereits Stunden nach der Geburt. Armes Tier, es wurde eindeutig zum Opfer einer unnatürlichen Umwelt, auf welche seine Genetik noch keine Antwort hat.

Bedeutung der Erkenntnisse von Konrad Lorenz bei der Zucht und Aufzucht von Hundewelpen Frühprägungsphasen sind irreversibel, das gilt für alle Nachkommen aller Arten.

Natürlich auch für Hundewelpen. Verhaltensbiologen, die sich ausschließlich mit dem Verhalten von Hunden beschäftigten, bestätigten die Arbeiten von Lorenz im vollem Umfang. Allen voran Erik Zimen und Eberhard Trumler.

In jedem Lehrbuch dieser Biologen und Forscher wird auf die wichtigen Lernphasen hingewiesen. Vor diesem Hintergrund ist es unverantwortlich, die Geburt und die ersten Lebensstunden der Neugeborenen ohne menschliche Nähe und Anwesenheit verstreichen zu lassen.

Auch hier gilt: Bleibt diese Anwesenheit aus, wird der Mensch nicht als Artgenosse akzeptiert und der Hund bleibt später immer scheu und ängstlich gegenüber Menschen. Aus diesem Grund muss man Zwingerhaltung fern vom Haus, mit nur gelegentlicher menschlicher Betreuung ablehnen.

Diese aus Massenzuchthaltung entstammenden Tiere zeigen das s.g. Zwingersyndrom, sie sind handscheu und werden bestenfalls futterzahm.

Eine Prägung ist nicht erfolgt und kann nicht nachgeholt werden.

Eine Hundegeburt muss im Kreise der Betreuer stattfinden. Auch während der ersten Lebenstage (vegetative, sensible Phase) muss ein Welpe den Menschen mit Geruch, Stimme und Berührungen als Artgenossen in seinem Gehirn „abspeichern“.

Dann bleibt er wie die Entenküken ein Leben lang ein anhänglicher Hund und der Mensch sein Artgenosse.

Kommentar hinterlassen