Die Sache mit der Leinenpflicht

Erziehung und Haltung
Die Sache mit der Leinenpflicht

Auf der Karte bei den Getränken, ganz unten bei den Spirituosen und dem Wein, stand:

  • Einmal Hundewasser aus dem Napf
  • Einmal gratis Hundekekse
  • Einmal streicheln
  • Preis: kostet nix

Wo das war? Auf der Getränkekarte des Cafe Wichtig „Engels Eck“, dem angesagtesten Szenecafe in Toplage in Timmendorfer Strand. Gegenüber dem Rathaus und der beginnenden Flaniermeile mit Designerboutiquen und Markenkonsumtempel.

Natürlich freut einen das als Hundebesitzer und man fühlt sich am richtigen Ort. „Hunde Willkommen“, will dieser Text ganz offensichtlich ausdrücken. Man spürt es nicht nur, man sieht es vor allem!

Auf der riesigen, mehrreihig bestuhlten Außenterrasse liegen punktuell verteilt die unterschiedlichsten Vertreter der Spezies Hund unter den Tischen. Ob sie wohl die Getränkekarte studiert haben?

Meine zwei ausgehfertig gestylten (was heißen soll ohne dreckige Pfoten und Schlammbauch) PON-Mädels liegen ebenfalls ruhig und gesittet neben den Korbmöbeln. Um uns herum im Umkreis von fünf Tischen zähle ich weitere drei Hunde.

Keine Anmache beim Körberücken, kein Gebrummel, wenn der Kellner an den Tischen vorbeigeht. Es bleibt alles friedlich. Wir genießen den wunderschönen Sonnentag und schauen den Passanten beim Flanieren zu. Sehr viele flanieren mit ihren Vierbeinern.

Mit diesen Bildern vor Augen sage ich mir:

Das geht auch nur, weil die Hunde alle friedlich sind und sie offensichtlich gelernt haben, einigermaßen gesittet an der Leine zu laufen. Auch wir würden nicht mit zwei Hunden mitten im Getümmel laufen, wenn das zuviel Stress bedeuten würde.

Wobei bei uns die Leine ein sehr wichtiges Medium der Korrektur und Führung bedeutet und von unseren Hunden nicht negativ besetzt ist. Im Gegenteil! Leinenlaufen bedeutet Sonderaktivität mit Sonderzuwendung.

Fast alle Touristenorte erwarten von ihren Besuchern, dass die vierbeinigen Feriengäste angeleint werden. Was nicht heißen soll, dass sie was gegen Hunde haben. Das wird oft falsch interpretiert.

Vor allem, wenn man es falsch interpretieren möchte. Was wäre denn, wenn die Gemeinden nicht darum bitten würden, die Hunde im Kurpark, an der Strandpromenade und Seebrücke anzuleinen?

Hinter dieser Bitte steht doch der Wunsch auf gegenseitige Rücksichtsnahme.

Es wird doch offensichtlich um Verständnis geworben, dass auch diejenigen Urlaubsgäste ungestört ihren Urlaubsvorlieben nachkommen können, die keinen Hund mitgebracht haben?

Uns stört das nicht, dass wir unsere beiden Hunde nur an der Leine mit in die Touristenzentren mitnehmen können. Und unsere Hunde stört das auch nicht. Sie kennen das! Sie wissen ganz genau, dass sie in bestimmten Bereichen und unter bestimmten Umständen nicht frei herumlaufen können.

Dafür genießen sie aber den Trubel und die vielen Gerüche und vor allem das Sightseeing. Ihnen entgeht nichts! Sie werden mit vielen visuellen Eindrücken überreichlich entschädigt für etwas weniger Muskeltraining. Außerdem, das gebe ich offen zu, gibt es zur Belohnung für gutes Benehmen immer ein Leckerchen und nicht selten ein dickes Lob von Passanten ohne Hund.

Leinenpflicht heißt also nicht generell Hundeverbot!

Oder gar: „Die mögen keine Hunde!“ Natürlich gibt es auch die Unverbesserlichen, die trotz dieses Hinweises so tun, als wenn dieser nur andere Leute nebst deren Hunde betrifft. So gab es diesen Urlaub eine Szene mit zwei freilaufenden Retrieverhündinnen mit ihrem ebenso schönen, männlichen Besitzer. Der bummelte etwas gelangweilt zwischen Strandpassage und Fußgängerzone, blieb unverbindlich vor der Auslage des Schuhgeschäftes stehen.

© Antonio Gravante - Fotolia.com
© Antonio Gravante – Fotolia.com

Seine beiden Hunde blieben ebenfalls stehen. Als es nicht gleich weiterging, legten sie sich gähnend auf die kühlen Steinplatten der Passage. Nichts ging mehr, jedenfalls nicht für einen Spaziergänger mit einer ausgeprägten Hundephobie. Ich beobachtete es auch geraumer Entfernung und fand das Verhalten des Besitzers schon ziemlich arrogant.

Ohne sich drum zu kümmern, ließ er die Hunde mitten in der Passage liegen. Andere Hunde mussten wohl oder übel an ihnen vorbei oder einen Umweg um den ganzen Block machen.

Als es den Hunden langweilig wurde, gingen sie in den nächsten Laden zum schnüffeln.

Erst als die Verkäuferinnen den Besitzer auf seine Hunde ansprachen, ging dieser weiter. Eine Leine hatte er offensichtlich nicht dabei. Trotzdem regte sich keiner richtig auf. Auch die Verkäuferinnen scheinen eine hohe Toleranzschwelle zu haben.

Da habe ich hier in unserem Naturschutzgebiet schon heftigere Szenen erlebt! Mit intoleranten Bauern und Jägern, die nur auf ihre Rechte pochten. Und das, obwohl wir freiwillig mit angeleinten Hunden durch Wald und Wiesen (während der Jungtierzeit) spazierten.

Und, sind wir doch mal ganz ehrlich zu uns selbst: Steht nicht hinter dem Wunsch, seinen Hund überall und immerzu ohne Leine laufen lassen zu können, nicht die uneingestandene Tatsache, dass der geliebte Freund ein unverbesserlicher Leinenrüpel oder eine Leinenzicke ist, der erst wieder Ruhe gibt, wenn er oder sie ohne das Ding um den Hals losziehen kann?

Ist daran die Gemeinde schuld, die ums Anleinen wirbt? Sicher nicht.

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