Lebensgrundlagen

Lebensgrundlagen
Tier-Sozialverhalten und unser Einwirken

Der gravierendste Unterschied zwischen dem modernen Hund und dem modernen Menschen ist das Sozialverhalten. Früher zog die Herde inklusive der menschlichen (heute würde man dies als asoziale Großfamilie diskriminieren) von Weideplatz zu Weideplatz.

Das Revier der hinzugezogenen Wächter und Treiber auf vier Beinen, die Hunde, war veränderlich, blieb aber immer in seinen Bestandteilen gleich. Eine mobile Konstante. Hunde mögen auch heute noch keine Veränderungen, sie mühen sich nur wegen der Umtriebigkeit ihrer Bosse und passen sich notgedrungen an. Es gibt natürlich sehr „anhängliche“ und sehr „eigenständige“ Hundetypen.

Wenn Katzenfans (ich bin Katzenfreund, mein Hund das Gegenteil) glauben, Katzen seien halt charakterstark, weil sie vom Menschen unabhängig, sehr selbständig seien, ein Hund dagegen doof-treu bis devot vom Menschen abhängig, dann irren sie.

Es gibt Büchereckentiger und sehr selbständige Hunde. Tiere sind flexibler, als Menschen sie haben wollen, oder – in unwissendem Fanatismus – in die Ecke stellen.

© Ljupco Smokovski - Fotolia.com
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Heute sind sozial feste Familien-, also Herdenverbände entweder radikal verkleinert bis zum geringstmöglichen, wo sich ein Einzelmensch einen Einzelhund hält.

Wenn der Hund Glück hat, darf er zeitweilig eine Welpenschule und später in den Gruppenunterricht mit seinesgleichen besuchen. Die Ängste des modernen Menschen in der Massengesellschaft verhindert eine frühe soziale Prägung. Auch deshalb werden prinzipiell soziale Hunde zu problematischen Einzelgängern.

Es gibt keine Problemhunde, sondern nur Problemmenschen.

Das ginge ja noch, wenn der Begriff „Problem“ korrekt als Aufgabe verstanden wurde. Aber der Begriff ist, im schönsten Soziologendeutsch, inzwischen negativ besetzt: als Schwierigkeit.

Die Schwierigkeiten machen wir, indem wir das über Jahrtausende geprägte Herdenverhalten des Hundes eingrenzen. Wir isolieren das geborene Rudeltier. Wie es besser geht, kann man bei Schlittenhundehaltern oder in Hundeschulen beobachten, wenn die Solisten auf eine gleichartige Gesellschaft treffen.

Alaskan Malamute
Alaskan Malamute

Da brechen alle noch vererbten Sozialitäten auf. Da wird ein willkürlich zusammengewürfeltes Rudel tüchtig, ernsthaft geformt, geordnet: nach biologischen Maßstäben, die kontaktängstlichen Menschen fremd sind.

Wir wirken dann noch in unserer sozialen Unfähigkeit ein, und stören die eben sich anbahnende Ordnung nach dem Herdengesetz. In der Herdenstruktur gibt es keinen Unterschied zwischen Fluchttierherden wie Pferden und Jagdgemeinschaften wie Hunden. Um so mehr sind die Sinne von Herdentieren geschärft auf Körper- und Lautsprache. Und da stottert es bei uns ganz gewaltig.

Teamarbeit wird bei Menschen großgeschrieben, doch in der Praxis mobben wir uns nicht nur mit den Ellenbogen.

Der Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit prallt bei den uns angepaßtesten Haustieren, den Hunden, ab. Konflikte entstehen, wie wir programmierten. Dabei könnten wir vom restlichen Herdenverhalten des Hundes (das wir vom Wolf doch so lieben) lernen. Freilich, auch ich verstoße gegen diese Rudelwünsche.

Als Single halte ich einen Hund, der zwar Welpen- und Hundeschule genoß (und wie!), aber doch ständig winselt, wenn er seinesgleichen sieht, und wegen Unverständnis und Angst der fremden Hundehalter nicht Kontakt aufnehmen soll. Und mit einem Hund ist leichter die Zelte wechseln als mit zwei. Aber irgendwann bekommt er seine Genossin. Mein Hund freut sich über jeden bekannten Besuch, weil damit sein Rudel zeitweise größer wird.

Es sind die Situationen, die uns gegen das „Familiäre“ im Hund stellen.

Vor allem unsere Kommunikationsarmut. Wie intensiv wir mit der richtigen Sprache zum richtigen Zeitpunkt auf Tiere einwirken können, muß man dem gelernten Gesellschafter Hund nicht beibringen, aber dem Menschen.

Ein Tier kennt kein „wenn und aber“, kein „vielleicht“. Nur ein klares „Ja“ oder „Nein“, Gebote und Verbote.

Beim Computer lernten wir doch auch: Falsche Eingabe – falsches Ergebnis.

Vermitteln wir ihm (dem Hund, und die Größe macht keinen Unterschied) unsere eigene Unentschiedenheit und Unsicherheit, wird er sich das Beste herausnehmen: Er agiert, er tut, was er will, weil ihm sein Boss keine andere Möglichkeit läßt. Resultat über kurz oder lang: He is the Boss!

Da fängt wie bei Kindern natürlich frühestmöglich an. Er blamiert den Halter, denn Hunde verraten alles. Folge: Der Hund wird herumgezogen, beschimpft.

Der Ehrliche ist halt wieder mal der Dumme. Weil er als Welpe seinen Haltern den Verstand raubte, entdecken die Menschen plötzlich, daß sie ihn hätten von Anfang an ernst nehmen sollen: als Hund, nicht als Knuddeldarling. Doch seine Freiheit meint nicht Unordnung.

Sein Verständnis ist sozial, und genau damit haben wir Schwierigkeiten. Antiautoritäre Erziehung stößt bei Tieren auf Unverständnis.

Diese Methode der 68er ist zurecht begraben. Junge Lebewesen brauchen verständige „Gesetze“, weil sie in einer Gemeinschaft mit anderen leben. Hunde sind Rudeltiere, keine relativen Einzelgänger wie Katzen.

Werden sie frühzeitig isoliert, bleiben sie gefährdet wie gefährlich dumm, von ihrem Unglück mal abgesehen. Das Übertragen menschlicher pädagogischer Experimente oder Gleichgültigkeit bis unbiologischer Unentschiedenheit sind die einfühlungsärmsten Ursachen für Verzogenheit.

Manche liebevoll gemeinte Nachgiebigkeit prallt bei den streng biologisch handelnden Tieren ab. Schlaue Tiere nützen jede Schwäche aus, mal charmant, mal aggressiv. Es gibt kein unberechenbares Tier, nur Verhaltensweisen, die wir nicht kennen oder lernen wollen. Dies zuzugeben heißt, daß man dazulernen will.

Was er (der Hund) nicht braucht, sind menschliche Probleme, die meist im neurotischen Bereich angesiedelt sind. Dazu ein typisches Beispiel. Es handelt von einer Übertragung menschlich egoistischen Verständnisses auf den Hund. Dazu kommt, auch dies ist typisch, daß der Hund des Fehlers bezichtigt wird.

 © chiarafornasari - Fotolia
© chiarafornasari – Fotolia

Auf dem Land wird der Hofhund noch oft an der viel zu kurzen Kette gehalten. Ich habe nichts gegen eine Haltung, die einem wetterfesten Hund (dicke Unterwolle, wasserabweisendes Deckhaar) mit einer Schutzhütte das interessante und abwechslungsreiche Leben auf dem Lande ermöglicht. Er ist angeregter als ein Stadtwohnungshund. Er ist an der frischen Luft. Aber nicht den ganzen Tag an der Kette, ohne Kontaktmöglichkeit zu anderen Menschen.

Das Tierschutzgesetz könnte auf Bauernhöfen für tabula rasa sorgen. Würden alle, die nicht für eine artgerechte Unterbringung und Haltung nur im Sinne des Tierschutzgesetzes auf ihren Hund verzichten, wäre Deutschland leergefegt von Hunden. „Bei den Ausreden und Lügen, die wir als Abschiebungsgrund tagtäglich hören, müßte unser Tierheim rot anlaufen“, klagte Walter Tritschler, ehemaliger Leiter des Tierheims Biberach/Riß.

Ausreden finden auch die sonst so fleißigen Bauern über ihre Kettenhunde. Es ist schon faul genug, wenn der Hund mal eben durchs Dorf streunen und dort abkacken darf, oder am Traktor daneben laufen muß, weil der Bauer „keine Zeit“ für einen Spaziergang hat (aber zum Traktorwaschen).

Der Hund, der zwischen Traktor und Anhänger angebunden mitrennen mußte, kam unter dieselben und starb an inneren Verletzungen. Unzählige Male in zwölf Jahren machte ein Veterinäramt Stichproben auf einem Bauernhof. Der erste Vierbeiner der tierschändlichen Bauern wurde an einer viel zu kurzen Laufleine gehalten. Bei den Besuchen wurde festgestellt, daß der Mischling nichts zu trinken und nichts zu fressen bekam.

Der nächste Hund, diesmal auf die Bäuerin angemeldet, war in einer viel zu dunklen Scheuer an einem 1,5 Meter langen Strick angebunden. Sechs Meter sind vorgeschrieben. Auf dem kalten Betonboden lag nur dünn gestreutes Stroh. Der Hund starb im Tierheim an Blutkrebs. Der Anwalt der Bäuerin forderte die Einstellung des Gerichtsverfahrens, weil man ja nicht mehr nachweisen könne, daß seine Mandantin den Hundetod zu verantworten habe.

Das ist leider keine deutsche Erscheinung. Die meisten Bauern haben zu ihren Tieren ein materielles Nutzverhältnis. Der einzige Vorteil dieser Lebenshaltung ist der, daß Sie ihre Tiere nicht vermenschlichen. Stadtmenschen machen nur andere Fehler.

Autoritär ist jemand, der diktatorisch auftritt. Autorität dagegen ist eine angesehene, maßgebliche Persönlichkeit. Und nur Letzteres braucht ein Hund.

Mit der antiautoritären Erziehung aus den 68er Jahren kann man keinen Hund überzeugen.

Denn der Hund muß dem Halter gehorchen, nicht der Halter dem Hund. Wenn Anti-Autoritäten wechseln, macht der Hund das beste daraus und tut natürlich, was er will.

Ein derart unterbeschäftiger Hund, dem nicht mal die Grundbedürfnisse der geregelten Entleerung zugebilligt wird, weil sich in der WG wechselweise die Bezugspersonen die Leine in die Hand gaben, falls überhaupt, muß zwangsläufig dahin machen, wo er Aufmerksamkeit erregt. Tausendmal passiert, keiner hat`s gemerkt.

Die zweite Lebensgrundlage ist die der Prägung auf Menschen. Der Mensch prägt einen Hund auf sich, auf andere Menschen, auf andere Tiere, auf die Urbanität, aufs Verreisen, auf hunde- und menschengerechtes Leben.

Wir haben uns den Wolf schon hausgerecht zurechtgemendelt. Der moderne Hund ist ein kindgebliebener Wolf. Er tut fast alles, was wir von ihm verlangen, und darin liegt eine Chance für ein lebensbejahendes Miteinander oder sein Fluch, mißbraucht zu werden. Insofern reduziert sich die Lebensgrundlage eines Haushundes darauf, letztendlich doch noch Hund sein zu dürfen und ihn nicht zum Menschen auf vier Füßen zu degradieren.

Nachfolgend reduziere ich die Bedürfnisse des Hundes auf Grundlegendes: die Prägung im Welpenalter, das spielerische Lernen, das sozialgerechte Verständnis, seine beschäftigende Ausbildung, seine gesundheitsfördernde Ernährung, seine natürliche, anerzogene und sozialisierte Haltung, die Behebung von Krankheiten, seine Pflege.

Kein noch so großer Garten oder große Wohnung gleicht ein – unterhaltsamer – Spaziergang an der frischen – nicht abgasgeschwängerten – Luft oder in betonierter Stadtenge aus. Der Wald ist kein Ersatz für fehlenden Auslauf.

Der Haushund ist ein ausgeprägtes Lauftier, wenn er einen hundegerechten Körperbau haben darf. Und ein phänomenales Riechtier, wenn sein Nasenraum nicht züchterisch verkürzt wurde.

Ein Hund mit normalem Riechraum, wie Jäger-, Hetz-, Schlittenhunde und Schäfer-Hirtenhundetypen, hat rund 300 Millionen Riechzellen. Der Mensch nur fünf Millionen. Seine Nase ist also neben den Läufen sein empfindlichstes Organ. Und sein Fang fast ausschließlich sein einziges, aber multifunktionales Werkzeug.

© Eric Isselée
© Eric Isselée

Die Lebensgrundlagen des modernen Haushundes bestehen heute in erster Linie auf artgerechte Beschäftigung, nicht etwa in Filet an Petersilie auf DeSede-Sofa. Viele Hunde brauchen heute Diät. Warum?

Weil sie so aussehen wie ihre Halter: übergewichtig durch falsche Ernährung und zu wenig Bewegung. Tierärztin Ellen Kienzle auf dem Kongreß der Europäischen Gesellschaft für Tierernährung in München 1997: “

Jeder dritte Hund ist zu fett. Ein häufiger Fehler sei die mehrfach Kombination von Fertigfutter und zusätzlicher Nahrung.“

 © Ermolaev Alexandr - Fotolia
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Mancher Hund kann besser fernsehen als laufen. Da mag dekadent erscheinen: Es wäre in jedem Fall günstiger, gleich richtig Spazieren zu gehen. Denn dies ist das Größte im Tagesablauf eines Hundes, und sei er noch so alt. Der Hund müßte nicht hinter dem Auto herlaufen oder nicht nur zwei Minuten zum Wasserlassen in den Garten. An Silvester werden auch selbsternannte Tierfreunde zu Tierquälern.

Wenn meist auch noch alkoholisierte Freunde der pyromanischen Selbstverstümmelungsgefahr ihre knallenden Freuden loswerden, geraten Haus- wie Wildtiere in höchste Panik und flüchten schockiert, wenn sie eine Möglichkeit finden. Nicht wenige Menschen entdecken jedoch nach dem Kauf eines Hundes, daß sie plötzlich Urlaub machen müssen.

Der Hund steht ihnen dabei im Weg. Also weg mit dem Störenfried!

Ich kann mir einen Urlaub ohne meinen Hund gar nicht erst vorstellen. Alle Abschiebungen sind pure Ausreden. Es gibt genügend Erholungsangebote, bei denen ein Hund willkommen ist. Möglicherweise werden die nicht angenommen, weil der Hund verzogen ist und man sich nicht blamieren will.

Eine inzwischen tägliche Lebensgewohnheit ist für das Lauftier Hund das Auto geworden. Diese mobilen Hundehütten und Reviere (daher auch das Verteidigungsverhalten im Auto) sind höchstens zeitweise erträglich, wenn der Hund das Autofahren mit dem folgenden Spaziergang verknüpft.

© amidala - Fotolia.com
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Wenn ich höre: „Mein Hund liebt das Autofahren“ oder „Er springt in jeden offenen Wagen“, dann ist das wieder einmal die menschliche Übertragung von Tierliebe. Der Hund ist immer da, wo sich sein mit dem Auto ständig flüchtender Rudelboß aufhält, also das Auto.

Wie oft dieses Mißverständnis tödlich endet, liest man im Sommer, wenn aus den Blechkästen ein mobiler Mikrowellenherd wird. Wenn Autos vor Dieben verschlossen und von der Sonnenwanderung unbehelligt zu elenden Hitzestaus werden. Wenn ich mir dann die ahnungslos tuenden Gesichter und Mimiken der Verursacher nur vorstelle, geht mir das Messer in der Tasche auf.

Es gibt keine Ausrede, nicht mal die der Dummheit. Wenn draußen 30 Grad herrschen, heizt sich der Innenraum eines Autos binnen einer halben Stunde auf 70 Grad auf. Und das bei einem luftbedürftigen Lebewesen!

Die heiter aussehenden Hunde, die ihren Wuschelkopf so drollig aus dem Cabrio hängen, bringen per Bindehautentzündung nur Geld zu Tierärzten/Tierärztinnen. Daß ein Hund gesichert auf den Rückraum gehört, verlangen nicht nur die Versicherungen. Bei einem Aufprall fährt selbst ein Yorkshire wie eine kleine Kanonenkugel an die Frontscheibe, falls er sich nicht schon an den Rücksitzlehnen das Genickchen bricht.

Ein ideales Hundeauto ist ein eher altmodisches, ohne die flachstehenden Scheiben, die den Innenraum schnell aufheizen; der Innenraum selbst muß – der Größe des Hundes entsprechend – viel Luftvolumen lassen, und zugfrei zu be- und entlüften sein. Daß Zigarettenrauch die im Vergleich zu uns 60fach empfindlicheren Nasen stört, sollte zur selbstverständlichen Fairneß des Autofahrers gehören.

Ein paar klärende Worte zum Reizthema „Zwinger“.

Sektiererische Tierschützer lehnen schon das Wort Zwinger kategorisch ab. Ein Vorurteil, das Tierliebe vorschützt. Ich lehne eine ständige Zwingerhaltung, mehr noch, eine in viel zu engen – wiewohl dem Gesetz genügenden – Boxengrößen ab. Meist sieht man solche traurigen Gefängnisinsassen auf dem Lande oder bei Massenzüchtern.

Aber: Ein größtmöglicher moderner „Zwinger“ ist und bleibt eine maximal zeitweilige Sicherungsverwahrung und ein Wetterschutz für Hunde, zum Schutz vor Hundehassern (Giftwerfern) und zum Schutz vor sich selbst (Ausbruchsgefahr).

Hunde haben feste Gewohnheiten. Das fängt bei der Ernährung an und hört im Tagesablauf nicht auf. Tiere können jedoch sehr flexibel reagieren.

Doch die Rede, daß man ja täglich spazieren gehe, hat noch keinen Inhalt. Zwei Stunden an der Leine, vor allem ohne jede Beschäftigung (Arbeit, Unterricht), in einschläferndem Trott, sind nichts gegen eine Viertelstunde abwechslungs- wie lehrreichen Herumtobens oder eine nur zehn Minuten dauernde Aufgabenlösung.

Auch der immer gleiche Weg stumpft sein Informationsbedürfnis ab. Abwechslung und intensive, nicht überfordernde Beschäftigung kosten nicht viel Zeit, bindet aber mehr als überflüssige Streicheleinheiten. Auf die besorgte Frage einer Familie, warum ihr Hund im Schlaf zucke, beruhigte ich sie: Wer träumt, erinnert sich und denkt, wenn auch nicht im menschlichen Sinne.

Die größte Schwierigkeit bereitet der Mensch dem Hund, indem er ihn über alle Maßen verknuddelt, verschmust, versüßlicht. Der Mensch tut dies aus schlechtem Gewissen, denn er kompensiert das Alleinsein-Müssen (eine Art von Trennungsangst) des Hundes mit einer vermeintlich ausgleichenden Verzärtelung.

Der Hund nimmt sich die unlogischen Streicheleinheiten und bestechende Leckereien, glaubt sich zum umworbenen Boss erkürt. Er verhält sich biologisch so, wie untergeordnete Wolfsrudelgenossen ihren Alphatypen beschwichtigen und umwedeln, um sich seiner Gunst zu versichern.

Folge bei Menschen, die ihren Hund „aus beruflichen“ Gründen und sonstigen Ausreden oft allein lassen: Der Hund wird zum geliebten Herrscher des Haushalts gemacht. Bei Hunden mit wenig Trieb kann das gutgehen, bei dominanten Hunden wird es zum Problem.

Ein Hund, der aus beruflichen Gründen immer bei seinem Halter sein kann, versteht keine entschuldigenden Gesten. Doch wie weit haben wir uns schon von der Natur entfernt, wenn uns das Geräusch eines Autos, Flugzeugs unantastbarer ist als das artige Gebell eines Hundes oder das spielerische Geschrei eines Kindes? Drum prüfe, wer einen Hund an sich bindet, ob er nicht lieber Zeit für anderes findet.

Besucher werden vom Einzelhund als willkommene Vergrößerung seines Rudels begrüßt. Dabei muß er lernen, sich wiederum einzuordnen.

Besucher meinen tierlieb, daß sie sich mit dem Hund sofort beschäftigen müßten; sie unterwerfen sich ihm damit. Er darf sie schon am Hauseingang überfallen.

Schon hier kann man Dominanz korrigieren. Er kann lernen zu warten. Rudelverständiger ist es, wenn sich Besucher erst später kurz dem Hund widmen. Hunde, die ständig um ihren Boß herum sind (bei Schäfern etwa), fixieren sich nicht so sehr auf den Menschen.

Hunde, die wie Schlüsselkinder stundenlang auf ihren Boss warten müssen, werfen sich beim Eintreffen, unterstützt mit Verstärkern wie Leckerle und Knuddeln, mit der angestauten Erwartungshaltung mit gewöhnter Trennungsangst um so stürmischer und begierlicher an seinen Hals, oder auf dem Platz wird gespielt wie verrückt.

Dabei sind Schutzhundetraining, Agility, Obedience, Clicker und ähnliche private Aufgaben-Mutanten „nur“ mehr oder weniger taugliche Ersatzhandlungen für weggefallene hundegerechte Aufgaben.

Dank Konrad Lorenz, dem „Entdecker“ der Prägung, wissen wir, wie wichtig die Einwirkung im richtigen Alter auf Lebewesen ist. Einwirkung prägt. Die Prägung geht so weit, daß in den ersten Tagen Ängste oder Souveränität vom Menschen kopiert werden. Wer Angst vor Gewitter hat, äußert dies. Dieses Verhalten übernimmt das junge Tier, weil es durch Kopieren, durch Beobachten und Nachahmen lernt.

© nickolae - Fotolia.com
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Wie jedes höhere Lebewesen. In einem bestimmten Alter, zwischen ungefähr fünf bis zwölf Wochen bei Hunden, sind sie besonders empfänglich für Prägungen. Diese Prägung beeinflußt seine psychische Entwicklung. Prägung darf hier als zur Gewohnheit werdende Bindung verstanden werden.

Wird ein Welpe nicht auf Menschen geprägt, oder auf andere Haustiere, wird es zeitlebens Schwierigkeiten mit diesen anderen Arten haben.

Im Umkehrschluß macht Isolation stupide bis psychisch defekt. Und ein Hund, der nichts lernen darf, bleibt dumm. Wie bei Menschen. Wie oft hörte ich schon: „Der ist so klein, der muß nichts können. Der tut niemand was.“

Ich übersetze in Wahrheit: „Ich weiß nicht, ob er was tut. Ich habe nichts mit ihm getan.“ Und wenn sie dieses bequemliche Denken auf kleinwüchsige Menschen übertragen, dürften die auch nichts lernen.

Alles klar?