Krampf um Kampfhunde

Menschen neigen dazu, sich zu fürchten, Angst vor dem zu haben, was sie nicht kennen. Fremdenhaß in der eigenen Gattung, aber auch Bekämpfung der Furcht vor Tieren, erzogen durch Märchen, die wiederum Angst machen (sollen).

Das älteste überlieferte Haßobjekt der christlichen Welt ist bekannterweise die Schlange.

Der Wolf gehörte bis in unsere Tage zu diesen vom Mensch erklärten Bestien. Diese Urangst übertrug sich auf den Hund. Ungezogene Kinder schickte man noch vor wenigen Jahren zum bösen schwarzen Hund in den dunklen Keller. Vielfach die Basis für anhaltende Angst vor Hunden.

Hundefreunde können es sich nicht vorstellen, daß man Angst vor ihrem vierbeinigen Freund, dem ältesten Haustier, haben kann, ja, sich von dieser Angst geradezu wollüstig anstecken läßt. Hundehasser machen glauben, ausgerechnet die Deutschen seien umzingelt von bösen Hunden.

Hier etwas zur Ernüchterung:

Unter 17 untersuchten Industrieländern (mit Kanada, USA und Japan) liegt Deutschland an vorletzter Stelle, was die Hundedichte pro Einwohner betrifft: statistisch nur 5,5 pro 100 Einwohner.

© elementkunst - Fotolia.com
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Nur Japan hat mit 2,2 noch weniger.

Hundefreundlicher sind:

  • USA (21,6)
  • Frankreich (16,9)
  • Australien (15,2)
  • Kanada (14,1)
  • Dänemark (13,3)
  • Belgien (11,5)
  • Großbritannien (10,0)
  • Schweden (9,6)
  • Niederlande (8,3)
  • Italien (7,8)
  • Österreich (7,0)
  • Norwegen (6,8)
  • und die Schweiz (6,2).

Die geringste Hundedichte (ich übernehme hier mal die Statistikersprache) innerhalb Deutschlands, und dabei in den westlichen Bundesländern, befindet sich in Baden-Württemberg. In den östlichen Bundesländern liegt die Hundedichte um ein Drittel niedriger als im Westen.

Erfaßt wurden in dieser Statistik nur Städte (Quelle: Deutscher Städtetag). Einige Städte wie Zweibrücken, Pirmasens, Viersen und Berlin gehören seit Jahren zu den hundereichsten, dagegen schwäbische wie Stuttgart, Sindelfingen, Ulm, Esslingen, Tübingen, das badische Freiburg und vor allem ostdeutsche Städte zu den hundefeindlichsten.

Allein aus den Zahlen läßt sich schließen, daß in Deutschland die Abneigung gegen Hunde zumindest statistisch erwiesen ist, was durch das eigenartige Besteuern von Hundehaltern erhärtet wird.

Sind sie vielleicht selber schuld an dieser Ablehnung?
Durch ihre Garten- und Jägerzaunmentalität, ihren Sauberkeitswahn, ihre Ordnungsliebe?

Als ob Hunde nicht Ordnung lieben würden, als ob sie leibhaftige Ferkel wären. Dazu fällt mir eine andere Statistik ein: Niemand wechselt seine Unterhosen so wenig wie deutsche Männer.

Von Südländern, die in Deutschland leben, weiß man, daß sie Angst vor (unseren) Hunden haben. Aber daß mir ausgerechnet ein türkisch-stämmiger Deutscher mit Schlittenhund erstaunt schrieb, wie sehr die Deutschen doch Hunde hassen würden, ist so pikant wie offensichtlich wahr.

Intoleranz auch bei der Einschätzung, bei der Haltung von Hunden. Nicht wenige meinen, daß ihre Hunde nichts lernen müßten. Wohl nur die anderen, damit es keine Konflikte gibt? Wohl nur die größeren Hunde, weil Kleinwüchsige nichts zu lernen brauchen. Übertragen auf Menschen hieße dies: klein muß dumm bleiben. Dabei ist dies bei den sonst fleißigen Deutschen nur Faulheit.

Oder die mechanisierte Erziehung, daß ein „untergeordnetes“ Lebewesen gefälligst wie eine Kaffeemaschine zu funktionieren hat. Nirgends gibt es so viel Reparaturwerkstätten (Hundeschulen) oder Müllhaufen (Tierheime), wo Haustiere entsorgt werden. Und dann wird fürchterlich geklagt über das Elend auf spanischen Urlaubsinseln. Die armen Parias werden mit dem Flieger mitgebracht. Als ob wir hier keine Probleme hätten.

Man möge vor der eigenen Türe kehren, und dann auf die schlimmen Spanier und andere schimpfen.

Intoleranz ist noch nett ausgedrückt, wenn die Hunde der Städter sich auf Kinderspielplätzen entleeren müssen. Nicht die Hunde sind schuld, sie dürfen und können nicht wo anders. Katzenfans ist das sowieso egal. Wirklichen Katzenfreunden nicht, denn sie sorgen für ausreichend gereinigte Streukästen in ihren Wohnungen). Hunde müssen draußen machen. Gegen andere.

Hunde sind reinliche Wesen: Sie lernen von ihrer Mutter (hier meine ich ausdrücklich die Hundemutter), daß man nicht das eigene Nest (Lager) beschmutzt. Sie werden erst saubergeleckt (statt in Windeln gepackt), später, bei menschlichen Eltern müssen sie lernen, auf ihr Outdoor-Klo zu gehen (statt auf die Menschentoilette, wo es spezielles Papier und eine Wasserspülung gibt).

Wer ist so krank und tritt gern auf einen Kothaufen?

Aber dafür wird der Hund gehaßt und nicht der Halter. Das ist nicht intolerant, nur eine dumme Schuldzuweisung. Bei Reitern wird freilich geschmunzelt, wenn ihr Pferd äpfelt. Guck mal, wie natürlich!

Katzenscheiße riecht wesentlich strenger als ein Hundehaufen, wegen anderer Verdauung. Aber man sieht es nicht so direkt, weil die Häufchen kleiner sind. Über Vogelkot auf dem teuren Metall ärgert sich jeder, nur über den automatischen Rost nicht.

Nun bin ich der nachweisbaren Meinung, daß Kot von Lebewesen biologisch abbaubar ist, im Gegensatz zu Plastik, Zigarettenkippen, und sonstigem materiellem Müll.

Von Abgasen will ich hier nicht mal stänkern. Aber ich kenne und ärgere mich auch über jene Hundehalter und -Innen, die in geradezu lächerlicher Ignoranz wegschauen, wenn ihr Hund nicht mehr anders kann und muß. Er kann nicht anders, weil er zur Verdauungszeit an der Leine keinen Ausweg kennt.

Katzen haben keine Leine. Als ob durch die zeitgerechte Fütterung nicht berechnet werden könnte, wann der Hund muß. Wir können doch alles mögliche berechnen, nur die Notdurft des eigenen Hundes nicht. Es ist ein wahrhaft beschissenes Thema, das mit allen Stinkefingern nur auf diese spezielle Hundehaltersorte zeigt.

Selbst Karikaturisten in den Zeitungen zeichnen nur kackende Hunde. Nie kackende Katzen oder Menschen.

Nicht, daß ich meine, Menschen oder Katzen gäben dabei eine bessere Figur ab. Woher kommt also diese spezifische Hundeabneigung? Zum bissigen Krampf um Kampfhunde komme ich im anschließenden Kapitel.

  • Ist es anerzogene Angst vor dem bösen schwarzen Hund?
  • Ist es die pure Unkenntnis von einem wunderbar menschenfreundlichen Tier, wenn man es nur so ließe?
  • Übertragen wir unsere Gesellschaftsunfähigkeit auf den geborenen Sozialarbeiter Hund?

Die Mentalität einer Gesellschaft kann man auch an der Streitlust ablesen.

Eine nur amüsant zu lesende Umfrage von Forsa unter 104 Bundesbürgern weist die Deutschen als Nachbarschaftsfeinde ersten Ranges aus. Nach dieser Umfrage geht fast jeder zweite Deutsche seinen Nachbarn auf die Nerven.

Der Umkehrschluß ist erlaubt. Am meisten nerve Klatsch und Tratsch (43 Prozent), dann Unhöflichkeit (35 Prozent) und Lärm (30 Prozent) und Dreck (26 Prozent). Merke: Krach ist immer der Lärm anderer. Autolärm ist erträglicher als Geräusche von Lebewesen inklusive Kindergeschrei. Dreck und Klatsch ebenso.

Es nervt also nur, weil (nicht: wenn) dies alles der andere macht. Es ist die befragte Unfähigkeit zum sittsamen und humanen Zusammenleben. Und ausgerechnet Unhöflichkeit mahnen die sich gegenseitig Nervenden an. Ich kenne keine unhöflicheren Völker als die deutschsprachigen.

Ist es Zufall, daß die Sprache der Diensthundeausbildung, und im devoten Gefolge die der privaten Schutzhunde-Ausbildung, die deutsche ist?

Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Hundehaß, dem in glimpflicheren Fällen Hundeangst vorausgeht, erzeugen auch Halter, die eine abschreckende Gestalt in Form eines vierbeinigen Images an sich gekettet haben, meist in Verbindung mit martialischem Rüstzeug und Geschrei.

Diese menschlichen Unsicherheiten auf zwei Beinen, denen in blindem, weil anerzogenem Gehorsam der Hund folgt, finden ein weites Feld in den Kaufgassen, in den Sportplätzen, wo sie ihre Minderwertigkeitskomplexe ausschreien können. Rühr mich nicht an, sonst rührt sich in meinem Auftrag mein Bodyguard.

Ist Tierquälerei nur eine Vorstufe?

Kriminologen wissen seit den 70er Jahren, daß Serienkiller meist ihre Wut zunächst an Tieren auslassen. Drei drastische Beispiele aus den USA: Jeffrey Dahmer zerstückelte Frösche und enthauptete Hunde, bevor er 17 Jungen und Männer tötete. Ted Bundy folterte als Kind seine Haustiere, bevor er als Mann 40 Frauen vergewaltigte und ermordete.

Auch der Amokläufer vom Washingtoner Kapitol feuerte zuvor auf Katzen. Pete Wilson, Gouverneur von Kalifornien, erließ danach ein Gesetz: Wer Tiere mißhandelt, verstümmelt oder tötet, wird automatisch zur psychiatrischen Behandlung eingewiesen.

Woher kommt Hundeangst?

Unter anderem von deutschen Märchen, von deutscher Angsterziehung: der böse schwarze Hund im tiefen Keller, früher auf dem Nachbarshof, auf dem der ungebärdige Junge dann Milch holen mußte. Der freche Bub, der nicht anders zu bändigen war, als ihn mit einem imaginären bösen Hund zu drohen.

Ich kenne mehrere solcher Erziehungsbeispiele. Sie wirken noch heute bei Erwachsenen. Deutsche Erziehungsdressur. Wie beim Kind so beim Hund. Der böse schwarze Hund als Übergangslösung für das frühere Schreckensbild Wolf, oder Geier, oder „schwarzer Rabe“. Auch im sogenannten aufgeklärten Zeitalter halten sich Vorurteile hartnäckig.

Biblisches Vorbild: die Verdammung der Schlange. Ich könnte Kapitel schreiben über die bösartige Verunglimpfung unschuldiger Tiere, wenn man die eigene Art bekämpft oder haßt. Liebe und Haß sind enge Verwandte. Fanatismus und Aggression ihre Geschwister.

Woher stammt der Fluch: Falscher Hund?

Es gibt kein „falsches“, also hinterlistiges Tier, nicht mal der Fuchs ist ein solcher. Es sind nur ausgesprochen dumme menschliche Vergleiche, weil der Mensch sich oder seinesgleichen meint, aber ein Tier trifft. Es gibt nur Unwissen. Heute eine kecke Behauptung, bei allen Informationen, die überall zugänglich sind.

Bemerkenswert und in dieser Hinsicht menschlich paradox ist, daß Hundler unter sich kommunikationsfreudiger sind als haustierlose. Mit allen Extremen. Fachleute nennen dies Zoophilie. Der triebhafte Umgang mit Tieren zur Befriedigung seelischer Nöte oder Bedürfnisse. Es fängt beim Zungenkuß an und hört da auf, was dem Hund „nicht schadet“.

Moderne Menschen kennen ein anderes Problem unter einem englischen Begriff, der deutscher Lebensweise entgegenkommt, paradoxerweise aus der Biologie stammt: cocooning (Einigelung).

Aggressionsforscher wissen, daß sich Unverträglichkeit gern im Ballungsgebieten ausbreitet. Das Aufeinanderrücken provoziert Aufeinanderprallen. Städtische Hundebesitzer setzen sich und ihre Hunde dieser Gefahr besonders aus. Für den Rest an

Unverträglichkeit gilt das Sprichwort: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Nachbar nicht gefällt.“ Dies beruht auf Gegenseitigkeit.

Es gibt jedoch auch unter Haustierbesitzern Intoleranzen tierischer Art. Katzenfans hassen Hundefans, und umgekehrt.

Wer nur Hunde oder nur Katzen mag, ist kein Tierfreund, sondern ein tierischer Rassist. Ich kannte einen Jäger und Reiter, der seinen Hund auf lebendige Katzen, an einem Baum aufgehängt, „scharfmacht“. Abgesehen davon, daß man auf diese Manier (wie dies auch Kampfhundler tun) keinen Jagdhund ausbildet: Würde dieser Hunderassist sein Tier auch auf Tiger oder Löwen hetzen? Nein, denn er läßt sich über seinen Hund nur an Schwächeren aus.

Die Gegenseite gibt es auch: Der Autor eines (exzellent illustrierten) Artikels über Katzen im Stern 27/98 genierte sich nicht, in miserablem Deutsch folgendes zu veröffentlichen: „Wollen doch nicht vergessen, daß Künstler wie Baudelaire und Tomi Ungerer von Katzen schwärmen und für den Hund Leute wie Hitler typisch sind.“

Wollen doch nicht ignorieren, daß die Deutsche Schäferhündin „Blondie“ nichts dafür kann, daß sie Hitlers Freundin Eva Braun zugeteilt und von Hitler höchstens bei Fototerminen gestreichelt wurde.

Wollen doch nicht unterschlagen, daß es natürlich auch haufenweise gegenteilige Beispiele aus ähnlichen Epochen gibt wie die den hoffentlich auch dem Stern-Redakteur bekannten Philosophen Arthur Schopenhauer oder den Maler Bruno Bruni.

Der Autor, Politik-Journalist Peter Juppenlatz, demaskiert sich als Tierrassist und menschlicher Verunglimpfer, wenn er, wahrscheinlich unfreiwillig, „starre Fronten der Selbstgefälligkeiten“ verkündet. Ich empfehle eine Selbstreflektion.

Einen Leserbrief, in dem ich mich – nicht nur als Hunde-, sondern auch als Katzenfreund – dagegen verwahrte, vor allem auf solch hundsföttische Art mit Hitler in Verbindung gebracht zu werden, druckte der Stern nicht ab.

Krampf um „Kampfhunde“, Beißstatistiken und die Folgen

Gewiß: Es sind gefährliche Hunde-„Berufe“, wenn ein „geeignetes“ Tier (er wurde dazu von Menschen selektiert) auf andere Lebewesen gehetzt und dafür von asozialen Kriminellen auf Beißenthemmung bis zur Kamikaze-Selbstvernichtung „trainiert“ wird.

Solche Menschen lassen über ihren Hund töten, obwohl sie gern selbst töten würden. Es sind Ersatzhandlungen, ähnlich wie bei Hahnen- und Stierkämpfen. Der wahre Täter ist immer der Halter oder die Halterin. Man darf nicht von solchen asozialen Menschen auf andere Halter schließen, die sich wegen oder trotz dieses Images für eine kampfhunde-relevante Rasse entscheiden. Kein Halter wird den wahren Grund für seine Entscheidung für solche Hunde veröffentlichen.

Leider sind Bullterrier-Varianten (Bullterrier, English und American Staffordshire Bullterrier und Pitbull) wegen ihrer niedrig selektierten Reizschwelle die bevorzugten armen Hunde für die gefährlichen Halter.

Die Gefahrenhundeverordnungen von Bayern und Baden-Württemberg zählen zu diesen Hunden allerdings Rassen, die nie Kampfhunde waren:

  • Molosser wie Bullmastiff
  • Mastini
  • Bordeaux-Doggen
  • den aussterbenden Tosa Inu
  • oder den Großwild-Jagdhund Rhodesian Rigdeback.

In jedem Fall bleibt die Begründung aus, denn es gibt keine, die so pauschal nachvollziehbar wäre. Andere Länder lassen dies intelligenterweise rasse-offen.

In einigen Zuordnungen wird auch noch vage formuliert. Wie in Bayern: 1. „…wird die Eigenschaft als Kampfhund stets vermutet“ (bei Bullterrier-Varietäten oder Pitbull), unter 2. die anderen, vornehmlich Molosser: „…die Eigenschaft als Kampfhund vermutet, solange nicht der zuständigen Behörde für die einzelnen Hunde nachgewiesen wird, daß diese keine gesteigerte Aggressivität und Gefährlichkeit gegenüber Menschen und anderen Tieren aufweisen.“ Wer befindet darüber? Und: eine „gesteigerte Aggressivität“ ist bereits gefährlich.

Durchgängig ist die Anweisung, daß Hunde von „drogen-, alkohol-abhängigen oder geisteskranken Menschen“ nicht gehalten werden dürfen.

Schön wärs, wenn dies auch so geahndet würde. Das Interessanteste an dieser Aufstellung offensichtlich pauschal gefährlicher Rassen: Niemand sagte bisher, welche „Fachleute“ aufgrund welcher Tatsachen festlegten, daß dies pauschal gefährliche Hunde seien?

Ich vermutete, da liegen Rassevereinsinteressen dahinter. Und siehe da: ich lag richtig, denn der Verursacher dieser unlogischen Liste heißt Franz Breitsamer und ist Ausbilder im SV (Deutscher Schäferhund-Verein).

Dahinter stecken jedoch reine Verkaufs- beziehungsweise Imageinteressen des SV und der anhängigen Hundesportvereine, allesamt Deutsche Schäferhundleute, in deren Auftrag Breitsamer (der dem Vernehmen nach über seine Aufstellung auch nicht mehr so glücklich sein soll) diese absolut unfachliche Liste erstellt hat.

Unter Kynologen ist unstreitig, daß gerade Molosser eine allgemein hohe Reizschwelle besitzen und nie von tatsächlich kampfhunde-relevanten Hundebesitzern gehalten werden.

Betroffene mögen aber nicht den falschen Beamten, der nur abschreibt, anklagen, sondern die Interessenvertreter, deren Rassen (Rottweiler, Dobermann, Deutscher Schäferhund) in dieser Gefahrhunde-Liste nicht vorkommen. Aber in der Beißstatistik.

Seit der Deutsche Städtetag seine Hunde-Beißstatistik aufstellt, prangt der Deutsche Schäferhund stets an erster Stelle der Rassehunde. Kein Wunder, denn er ist mit Abstand der populärste Hund in Deutschland. In einer Fußnote dazu: „Vermutlich ist hier ausschließlich der Deutsche Schäferhund gemeint.

Nicht auszuschließen ist, daß auch belgische Schäferhundrassen erfaßt wurden.“ Und andere? Städtetag-Fußnote: „Da die Städte Pitbulls separat genannt hatten, wurde darauf verzichtet, diese den Mischlingen zuzurechnen.

Die Zahlen sind schon deshalb mit äußerster Vorsicht zu genießen, weil die Rassen nicht von Fachleuten genannt werden konnten, sondern von Beamten ohne Kenntnis aufgelistet wurden, nachdem die Angaben der befragten 249 Stadtverwaltungen eingingen.

Der Vergleich der Beißstatistik (gemeldete Vorfälle, in 93 Städten erfaßt) zum tatsächlichen Bestand ist schon interessanter. Ich nahm die Welpen-Registrierung 1966 des VDH als Grundlage an.

Der Rassenbestand in Deutschland dürfte in Relation zu anderen Verbänden derselbe sein. Man darf also getrost hochrechnen. Es geht um die Verhältnismäßigkeit, wer denn tatsächlich der meistgenannte Beißer im Land ist.

Danach sind unter allen Rassehunden, die nach dem VDH schätzungsweise 60 Prozent aller 4,8 Millionen Hunde in Deutschland ausmachen (40 Prozent sind Mischlinge) gut ein Viertel (26,14 Prozent) allein Deutsche Schäferhunde.

Nur knapp drei Prozent jedoch Rottweiler. Und verschwindende 1,15 Prozent für Dobermänner. Alle VDH-anerkannten Bullterrier-Varianten zusammen ergeben 1,5 Prozent des 96er Welpenbestandes.

Gar nur 0,4 Prozent als „gefährlich“ eingestuften Molosser (Mastini, Bullmastiff, Bordeauxdoggen etc., aber ohne Deutsche Dogge und Boxer).

Die Erhebung des Deutsche Städtetags von 1991-1995 weist folgende Beißrangliste auf (insgesamt 7 216 Vorfälle):

  • Mischlinge (inklusive Schäferhund-Mischlinge mit 159) mit 2 376 Fällen
  • Deutsche Schäferhunde (möglicherweise mit belgischen) mit 1 956
  • Rottweiler mit 542, Pitbull mit 320, Dobermänner mit 223
  • Bullterrier mit 169 und „Staffordshire“-Bullterrier (wahrscheinlich meist der amerikanische) mit 169
  • Dackel und „Terrier“ mit je 160
  • Deutschen Doggen mit 119, Boxer mit 96
  • „Collie“ mit 73, Riesenschnauzer (manche Städte differenzierten nicht zwischen Riesen-, Mittel- und Zwergschnauzer) wie Pudel (auch hier keine Größenunterschiede) und „Husky“ mit je 65
  • Cocker-Spaniel mit 56 und „Schnauzer“ wie Hovawart mit je 46 folgen
  • Der rare Mastino Napoletano (bei den Kommunen als „gefährlich“ geführt) ist mit 21 Fällen so selten vertreten wie der Kleine Münsterländer und der Spitz.
  • Häufiger bissen nach diesen Angaben jedoch die als „lieb“ propagierten Retriever: Labrador und Golden zusammen 53 mal.
  • Der in der Gefahrenhundeverordnung aufgeführte Rhodesian Ridgebacks beissen demnach so viel zu wie Pekingesen (beide achtmal), aber ein Fünftel weniger als Irish Setter.

Entscheidend ist jedoch die Möglichkeit, von einer bestimmten Rasse gebissen zu werden, wenn man nun die absoluten Vorfälle in Relation zum Bestand setzt.

So ist die Rangliste der Beißer eine völlig andere: Ich nehme nach aller Erfahrung mal an, daß der Pitbull maximal die Hälfte des gesamten Staffordshire-Bullterrier-Bestandes aus-macht, also etwa 0,3 Prozent des gesamten Rassehundebestandes. Im Vergleich zu seinem Vorkommen ist danach der Pitbull als Vierter der absoluten Beißrangliste (4,4 Prozent) der 15fach-gefahrenrelevanteste Beißer.

Die Bullterrier-Varianten (mit American und English Staffordshire sowie Bullterrier – der Miniatur Bully kommt in der Beißstatistik nicht vor), fallen mit 4,7 Prozent an Vorfällen ebenso unangenehm auf, wenn man den Bestand zum Vergleich (1,4 Prozent) heranzieht.

Sie beißen also mehr als dreimal so oft zu wie ihr Bestand ausmacht. Nicht viel weniger die Rottweiler und Dobermänner, die ihren Bestand beim Beißen ebenfalls fast um das Dreifache übertreffen.

Die Deutsche Doggen halten beim Beißen ihren Anteil von 1,7 Prozent im Vergleich zu 1,6 Prozent des VDH-Welpenbestandes in der Waage. Golden und Labrador Retriever unterschreiten ihren Beißanteil deutlich: 0,7 Prozent beißen in der Statistik, halten aber zusammen 2,1 Prozent des Bestandes.

Noch unauffälliger bleiben Teckel, die nur zu 2,2 Prozent an der Beißstatistik beteiligt sind, aber einen Bestand von über zehn Prozent aufweisen. Der in der Gefahrenhundeverordnung aufgelistete Mastino Napoletano fiel laut Städtetag-Statistik 21mal auf, macht 0,3 Prozent an Vorfällen.

Sein Bestandsanteil laut VDH: etwa 0,06 Prozent. Aber hier wird die Relation zur Tat vergleichsweise bedeutungslos. Andere Molosser sind in der Beißstatistik nicht auffällig geworden. Der „Gefahrhund“ Rhodesian Ridgeback drittelt seinen Bestandsanteil von 0,35 Prozent beim Beißen mit 0,11 Prozent

Da fällt der mit über einem Viertel am Gesamtbestand auftretende Deutsche Schäferhund nicht unangenehm auf, der beim Beißen mit 27,1 Prozent in seinen Bestands-Verhältnissen bleibt; selbst mit den Schäferhund-Mischlingen bei 29,3 Prozent.

Nach den erfaßten Vorfällen kommen demnach – in Relation zu ihrer tatsächlichen Häufigkeit – die meisten Beißunfälle bei Pitbulls vor. Es folgen – mit Abstand und fast auf gleicher Stufe – alle Bullterrier-Varietäten, Rottweiler (dessen Bestand als eine der wenigen populären Rassen stetig wächst) und Dobermänner.

Also exakt das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom gefährlich erscheinenden Hundetyp macht. Nur die „gefahrenhundeverordneten“ Molosser tauchen – bis auf den Mastino – nicht als Beißer auf.

Und die Mischlinge?

In der Statistik tauchen sie an erster Stelle auf, alle anderen Rassen ordnen sich falsch danach ein. Korrekt ist jedoch, daß sie als geschätzte 40 Prozent am Gesamtbestand aller Hunde nur zu einem knappen Drittel als Beißer ertappt wurden. Wobei die Statistik alle, also große und kleine Mischlinge, als „Übeltäter“ erfaßte.

Die anderen, die kennt man nicht als gefährlich – und wenn doch, dann meist nur aus den Medien.

Wenn nicht sofort alle „Kampfhunde-Rassen“-Züchter die Lage erkennen und ihr Lamentieren aufgeben, aber wieder auf höhere Reizschwellen selektieren, wenn nicht eine fachgerechte Prüfung aller Halter, Züchter und Ausbilder speziell auf Mißbrauch dieser Hunde durchgeführt wird, müssen die zuständigen Ämter in Deutschland wohl dem Beispiel Frankreichs und anderer Länder folgen und ein generelles Einfuhr- und Zucht- wie Besitzverbot erteilen.

Die Zeitschrift des Deutschen Tierschutzbundes, „Du und das Tier“ schreibt in ihrer Ausgabe vom September 1998 davon, daß beim Thema Kampfhunde die „Hysterie im Vormarsch“ sei, und: „Kein Wunder, daß die Diskriminierung sogenannter Kampfhunde mittlerweile dazu geführt hat, daß eine große Anzahl an Hunden der betroffen Rassen in Tierheimen abgegeben wurden.

Damit sind zahlreiche Tierheime vor schier unlösbare Probleme gestellt, da selbst ausgesprochen freundliche Hunde kaum noch vermittelbar sind.“ Die stigmatisierten Hunde sind immer die Dummen.

Jeder vernünftige Ausbilder kuriert eine der sogenannten Kampfhunderassen mit ange-züchtet niedriger Reizschwelle, hoher Aggressivität und Beißlust von Welpenalter an: Er packt ihn bei unnormalem Raufspiel am Kragen und wirft ihn mit einem deutlichen Verbotssignal kurz weg.

© zuzule - Fotolia.com
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Wie dies eine gesunde Mutterhündin auch machen würde. Einen Hund jedoch allgemein-gefährlich abzurichten, ist ausschließlich kriminelle Absicht. Es hilft nur ein ebenfalls lebenslanges Zucht-, Haltungs- und Kauf- und Verkaufsverbot für einschlägig auffällige Verkäufer/Dealer/Züchter. Und die Aufnahme einer unmißverständlichen Tierschutz-Novelle in das Grundgesetz, mit abschreckendem Strafmaß.

Wie beharrlich manche Hundehalter an der selbstverursachten Fehlzüchtung festhalten, samt der Verteidigungsstrategie durch verharmlosende Vermenschlichung nach der Formel „wir sind doch so lieb“ zeigt auf drastische Weise folgender Vorfall in einer dpa-Meldung vom 13. Juni 1999 – quasi eine Kombination aller Klischees und Images: „Ein Kampfhund hat gestern morgen einen fünfjährigen in einem Bordell in Weißenfeld schwer verletzt.

Das Kind schwebe noch immer in Lebensgefahr, sagte ein Polizeisprecher. Der Junge habe mit einem Staffordshire Terrier in einem Bett geschlafen.“

Es ist schon auffällig, wie in jüngster Zeit plötzlich vor allem Bullterrier-Varietäten als „kinderlieb und in der Familie aufgezogen (in welcher?)“ angepriesen werden, wo er doch vor dem schlechten Image-Zeitalter, also vor etwa zehn Jahren, als canides Sinnbild des „harten Männerhunds“ für Kenner galt. Er kam dann auch in die entsprechenden Kreise. Und dort wurde ihm jenes Image anerzogen. Und wie!

Seriösen Züchtern kamen die Tränen vor Wut und Ohnmacht. Die anderen verkauften Welpen wie geschnitten Brot. Mit Zuschlag.

Zu was der Begriff „Kampfhund“ alles herhalten muß, wenn nur ein von Menschen gefährlich gemachter Hund gemeint ist, und eben nicht immer eine der Bullterrier-Varietäten, das erhellt aus einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster: „Hält jemand ohne die erforderliche Erlaubnis einen Kampfhund, kann ihm die Ordnungsbehörde die Haltung untersagen.

Eine Frau hatte nicht die in Nordrhein-Westfalen nötige Erlaubnis zur Haltung ihres Rottweiler-Dobermann-Mischlings und war deswegen verurteilt worden, ihren Hund an ein Tierheim zu geben. Das Tier sei nach Ansicht der Richter ein gefährlicher Hund, da er mehrfach andere Hunde gebissen und erheblich verletzt hatte.

Nachricht vom selben Tage: Bundesinnenminister Otto Schily hat – aus jüngsten Anlässen (vorher kam er nicht drauf?) – für ein generelles Verbot von Kampfhunden plädiert. Der SPD-Politiker sagte der „Berliner Morgenpost“: „Kampfhunde sind gefährliche Waffen.“ Solche Züchtungen seien einer Gesellschaft nicht zuzumuten. Ein Verbot von Kampfhunden sei allerdings Ländersache.

Ich plädiere dafür, daß der Minister nicht mehr so populistisch nachbellt. Und wieder taucht die Frage auf: Was ist ein Kampfhund und wer erklärt einen Hund zum Kampfhund aufgrund welcher Argumente?

Schily trifft – wie die Boulevard-Medien – mit der pauschalen wie pleonastischen Bemerkung (Waffen sind immer gefährlich) die Falschen.

Ich muß mich wiederholen: Nicht die Hunde sind schuld. Sonst müßte man in dieser Logik auch Autos verbieten, weil sie angeblich Menschen totfahren. Da wissen wir aber, daß der Mensch der Verursacher ist. So mutet denn auch die geradezu asoziologische Verurteilung „solche Züchtungen seien einer Gesellschaft nicht zuzumuten“ wie eine Schuldzuweisung an, die am Verursacher völlig ungestraft vorbei geht: jene Menschen, die Hunde zu Waffen ausbilden und Hunde nach Aggressivität selektieren.

Solche Tierschänder sind der Gesellschaft nicht zuzumuten. Sie sind ein Produkt dieser Gesellschaft. Das müßte auch der Minister erkennen. Ich kann diese geradezu verdummende Schuldzuweisung nicht mehr hören.

Die einzige Möglichkeit, Hunde vor solchen Haltern und Züchtern zu schützen, ist ein Gesetz mit der bundesweiten Auflage lebenslangen Haltungs- und Zuchtverbotes.

Und ein Maulkorb-Erlaß über unqualifizierte Menschen. Sonst kommt demnächst noch einer drauf, daß alle schwarzen Hunde verboten werden müßten.