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Geprägt fürs Leben
Serie: Konrad Lorenz, Begründer der Ethologie (Verhaltenslehre)
Lehrsatz: Prägung ist ein Lernphänomen, bei dem Tiere
während einer kurzen, genetisch determinierten Zeitspanne praktisch
irreversibel auf die Objekte ihrer sozialen Beziehungen festgelegt werden.
Häufig wird das Lebenswerk eines Wissenschaftlers auf ein Schlagwort
reduziert. Und "Lorenz", das ist der mit den Gänsen, die
ihm überall hin nachgelaufen und nachgeschwommen sind. Wer mehr über
ihn weiß, hat dabei auch den weißmähnigen Ethologen mit
seiner Wolljacke vor Augen, wie er eine Reihe kleiner Watschler anführt,
die den Eindruck erwecken, als würden sie ihm bis ans Ende der Welt
folgen. Warum aber zeigen diese Tiere eine so ungewöhnliche Anhänglichkeit
an den Menschen? Schlicht erklärt, wurden sie auf Lorenz "geprägt"
und betrachteten ihn deshalb gewissermaßen als Mutter, später
als Partner.
Lorenz, der dafür den Begriff "Prägung" eingeführt
hat, beschrieb das Phänomen selbst so: Prägung kann nur während
einer kritischen Periode stattfinden, die nur ein einziges Mal im Leben
eines Individuums vorkommt. Diese Phase entspricht einem spezifischen
physiologischen Zustand. Ist sie vorüber, dann erkennt das Tier das
Objekt seiner durch Prägung erworbenen sozialen Beziehung so genau,
als ob dieses Wissen angeboren wäre.
Ist es aber nicht! Ende der fünfziger Jahre forschten Lorenz und
sein Mitarbeiter an Enten, Dohlen und Graugänsen und deren Nachkommen.
Sie nahmen den Elterntieren ihr Gelege weg und brüteten die Eier
mit künstlicher Hilfe aus. Sie wollten das kritische Zeitfenster
des Prägungsprozesses mit einem streng kontrollierten Experiment
untersuchen. Mit Hilfe einiger beweglicher und mit einem Tonbandgerät
(mit vorher aufgezeichneten Geräuschen) ausgestatteten "Mutterattrappen"
fanden sie heraus, dass Entchen und bestimmte andere Küken maximal
dreißig bis sechzig Stunden nach der Geburt für den Prägungsvorgang
empfänglich sind. Innerhalb dieser determinierten Zeitspanne, so
Lorenz, genüge es, für nur zehn Minuten dem Tier eine Attrappe
oder ein artfremdes Lebewesen vorzusetzen, danach ist die Bindung und
Erkennung irreversibel, also unwiderruflich festgelegt.
Wenn zum Beispiel eine Graugans aus dem Ei schlüpft, dann wird das
Erste, was das Küken in Bewegung sieht, sei es nun ein Mensch oder
ein bewegliches Objekt, als Mutter angenommen. Dieser "Mutter",
egal wie sehr sie im Erscheinungsbild von dem natürlichen Vorbild
abweicht, folgt der Vogel überall hin. Mehr noch, das Kleine zieht
das Objekt den echten Artgenossen vor, weigert sich, diese als solche
anzuerkennen und deren Gesellschaft zu akzeptieren. Handaufgezogene Enten
und Dohlen betrachteten Lorenz zunächst als "Elternkumpan"
und später auch als Geschlechtsgenossen an. Gänse hingegen richteten
ihr späteres geschlechtliches Verhalten auf Artgenossen.
Lorenz`wissenschaftliche Arbeit über die Prägung, ist auch
vom Nobelpreiskomitee als einer seiner herausragendsten Beiträge
zur Ethologie bewertet worden. Er erhielt 1973 den Nobelpreis für
Physiologie und Medizin. Obwohl er inzwischen in Medizin und Zoologie
promiert hatte, erhielt er den Preis als Instinktforscher für die
Beschreibung eines Lernvorgangs. Allerdings handelt es sich dabei um ein
ganz besonderes Lernen: Ein schnelles, ohne Vergessen, zudem auf eine
kurze sensitive Phase beschränkt.
Eines der wichtigsten Kennzeichen der Prägung ist ihre Unwiderruflichkeit
oder wie Lorenz 1988 schrieb: "doch die außerordentliche Schwierigkeit,
das Erworbene rückgängig zu machen. Als habe man es mit einem
Nervenkanal zu tun, der nur für kurze Zeit Impulse weiterleite und
dann für immer schließe". Seine Dohlen und Gänse
konnten nicht anders, als ein Leben lang in sozialer Abhängigkeit
und Anhänglichkeit zum Menschen zu bleiben, wie auf den weltbekannten
Fotos des Wissenschaftlers zu sehen ist.
Doch wozu dient Prägung, wenn man sie unter dem Aspekt der Arterhaltung
betrachtet? Wenn also nestflüchtende Küken gleich nach der Schlüpfen
eine feste Mutterbindung eingehen, ist das gewiss von Vorteil. Die Gefahr
einer Fehlprägung, immerhin der Grund warum Lorenz dieses Phänomen
überhaupt entdecken konnte, ist unter natürlichen Umständen
sehr gering. Denn anders als beim künstlichen Ausbrüten wird
es in der Regel die brütende Mutter sein, die mit dem Küken
als erstes Lebewesen Kontakt aufnimmt. Dieser schnelle Lernvorgang ist
also für das Küken überlebenswichtig, folgt es doch sofort
seiner Mutter, die ihm sein weiteres Leben sichert.
Aber Experimente zeigten: Ein Küken lässt sich auch auf einen
Fußball prägen, es folgt ihm dann auf Schritt und Tritt und
mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife umwirbt es ihn sogar als Sexualpartner.
Eine klassische sexuelle Fehlprägung ist erfolgt. Ein Aspekt der
prägungsbedingten Objektfixierung mit seinen sexuellen Spielarten
entsteht also bereits Stunden nach der Geburt. Armes Tier, es wurde eindeutig
zum Opfer einer unnatürlichen Umwelt, auf welche seine Genetik noch
keine Antwort hat.
Bedeutung der Erkenntnisse von Konrad Lorenz bei der Zucht und Aufzucht
von Hundewelpen
Frühprägungsphasen sind irreversibel, das gilt für alle
Nachkommen aller Arten.
Natürlich auch für Hundewelpen. Verhaltensbiologen, die sich
ausschließlich mit dem Verhalten von Hunden beschäftigten,
bestätigten die Arbeiten von Lorenz im vollem Umfang. Allen voran
Erik Zimen und Eberhard Trumler. In jedem Lehrbuch dieser Biologen und
Forscher wird auf die wichtigen Lernphasen hingewiesen. Vor diesem Hintergrund
ist es unverantwortlich, die Geburt und die ersten Lebensstunden der Neugeborenen
ohne menschliche Nähe und Anwesenheit verstreichen zu lassen.
Auch hier gilt: Bleibt diese Anwesenheit aus, wird der Mensch
nicht als Artgenosse akzeptiert und der Hund bleibt später immer
scheu und ängstlich gegenüber Menschen. Aus diesem Grund muss
man Zwingerhaltung fern vom Haus, mit nur gelegentlicher menschlicher
Betreuung ablehnen. Diese aus Massenzuchthaltung entstammenden Tiere zeigen
das s.g. Zwingersyndrom, sie sind handscheu und werden bestenfalls futterzahm.
Eine Prägung ist nicht erfolgt und kann nicht nachgeholt werden.
Eine Hundegeburt muss im Kreise der Betreuer stattfinden. Auch während
der ersten Lebenstage (vegetative, sensible Phase) muss ein Welpe den
Menschen mit Geruch, Stimme und Berührungen als Artgenossen in seinem
Gehirn "abspeichern". Dann bleibt er wie die Entenküken
ein Leben lang ein anhänglicher Hund und der Mensch sein Artgenosse.
::: Lesen Sie auch : Leben ist Lernen
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